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Archive for the ‘Historisches’ Category

Literatur: Werner Bräuninger: Hitlers Konkurrenten in der NSDAP 1921-1945

Der durch seine Bücher über die nationale und nationalsozialistische Opposition im Dritten Reich bekannte Autor legt hier eine weitere Arbeit nach. Hier geht es um Hitlers innerparteiliche Widersacher – entgegen des landläufigen Vulgär-Nationalsozialismus war der „Führer“ keineswegs der unangefochtene Autokrat, sondern sah sich immer wieder in Kämpfe gegen Kontrahenten und Oppositionsströmungen innerhalb der „Bewegung“ verwickelt, die zudem eher einem organisierten Chaos als einem monolithischen Block glich. Das Buch beleuchtet die innerparteilichen Zustände vor allem anhand von Portraits: Albrecht von Graefe, Artur Dinter, Ernst Anrich, Wilhelm Kube, Josef Wagner, Carl Röver, Günter Kaufmann, Alfred Frauenfeld, Otto Abetz, Karl Ströhlin und andere. Aus der Darstellung der Stennes-Revolten von 1930 und 1931 hätte man allerdings mehr machen können, obwohl die Materie zugegebenermaßen schwierig und nur mangelhaft erforscht ist. Das soll dem positiven Eindruck keinen Abbruch tun – ein empfehlenswertes Buch für jeden, der etwas tiefer in die Geschichte der NS-Bewegung einsteigen will.

394 Seiten, Gebunden, zu bezeihen über Amazon

Kategorien:Historisches

Jürgen Schwab: Wer wurde am 8. Mai 1945 befreit?

Das politische korrekte Deutschland feiert jährlich am 8. Mai den Tag der Befreiung. Richtig ist, daß am 8. Mai 1945 die Wehrmacht vor den Alliierten kapitulierte. Mit den historischen Fakten hat es allerdings wenig zu tun, wenn sich Deutsche der jüngeren und mittleren Generation an diesem Tag besonders befreit fühlen.

Siehe:http://www.endstation-rechts.de/inde…ung&Itemid=376

Dies kann auf reinem Opportunismus beruhen oder auch sachlich begründet sein. Sicherlich, liberale Geister würden die BRD einer politischen Ordnung wie der des Dritten Reiches jederzeit vorziehen. Aber befreit fühlen konnten sich am 8. Mai 1945 in der Tat nur solche Menschen, die schon damals, 1945, lebten (die anderen fühlen sich nachträglich befreit). Vor allem die damaligen Gegner, ob sie sich zu diesem Zeitpunkt in der inneren Emigration, im Zuchthaus, im Konzentrationslager oder im Ausland aufgehalten hatten. Mancher der Damaligen hatte sich erst ab dem 8. Mai befreit gefühlt, obwohl er zuvor Mitläufer, vielleicht sogar mehr gewesen war.

Die Alliierten hingegen hatten zwischen 1939 und 1945 nie einen Zweifel daran gelassen, daß es ihnen nicht um die Befreiung des deutschen Volkes vom NS-System gegangen war. Ganz im Gegenteil. So lautete 1945 der Befehl des amerikanischen Oberbefehlshabers Dwight D. Eisenhower an die amerikanischen Besatzungstruppen: „Es muß den Deutschen bewußt gemacht werden, daß sie die Schuld dafür tragen, was sie auf sich geladen haben. Deutschland wird nicht befreit, sondern als besiegter Feindstaat besetzt.“

Siehe: http://www.monarchieforum.org/index….d=60&Itemid=79

Den Westalliierten ging es vor allem um die Ausschaltung eines wirtschaftlichen und imperialistischen Konkurrenten, der Sowjetunion um die Ausdehnung der „proletarischen Weltrevolution“. Diese Erkenntnis hat sich längst zu Teilen der Antifa herumgesprochen. So lesen wir auf einer Lüneburger Antifa-Seite die – bezüglich der historischen Fakten, nicht unbedingt in der Bewertung – zutreffenden Ausführungen über den 8. Mai 1945 (Schreibfehler im Original):

„Wer wurde befreit?
Daraus darf nicht geschlossen werden, dass die Anti-Hitler-Koalition das ‚deutsche Volk‛ von Hitler und seinen Mittäter_innen befreit hätte. Der Nationalsozialismus war eben kein Gespenst, dass sich auf mystische Weise ‚der Deutschen‛ bemächtigt hatte, sondern eine Gesellschaftsform, die von der Mehrheit der Bevölkerung gestützt wurde.

Befreit wurden jedoch nicht die ‚armen Deutschen‛, die gerne so tun, als seien sie Hitler zum Opfer gefallen, sondern diejenigen, die in den Arbeits- und Konzentrationslagern und den Todesfabriken gefangen waren. Befreit wurden außerdem politische Häftlinge, die sich den Nazis widersetzt hatten und Menschen, die potenziell von Verfolgung und Ermordung bedroht waren. Somit steht der Tag der Befreiung nicht für die Befreiung des ‚deutschen Volkes‛, sondern für all diejenigen, die von den Nazis verfolgt, misshandelt und ermordet wurden. Denn für sie war der 8. Mai ‛45 tatsächlich der Tag der Befreiung.“

Siehe: http://venyoo.de/s238798-tag-der-befreiung#4732799

Noch tiefgründiger analysiert den 8. Mai 1945 als „Stunde Null“ der Marxist Wal Buchenberg: „Die alliierten Sieger des 1. Weltkrieges hatten schlechte Erfahrungen gemacht mit dem besiegten Deutschland. Nach dem ersten Weltkrieg waren die Machtstrukturen in Deutschland intakt geblieben: Die Armeeführung, die Beamten, die Staatsverwaltung, Polizei und Justiz. Der Revolutionsansatz und die Rebellion von 1918/19 in Deutschland wurde von den alteingesessenen Machthabern in Deutschland im Bunde mit den Sozialdemokraten erstickt und niedergeschlagen. Innerhalb von zwei Jahrzehnten – zwischen 1919 und 1939 – wurde so aus einem besiegten Deutschland wieder ein aggressives, kriegführendes Deutschland. Die alliierten Sieger des 2. Weltkrieges wollten nach der wiederholten deutschen Niederlage die deutschen Machtstrukturen zerschlagen, aber einer Revolution in Deutschland mit ungewissem Ausgang keine Chance geben.“

Siehe: http://www.marx-forum.de/geschichte/…unde_null.html

Also selbst solchen heutigen Nazi-Gegnern ist klar geworden, daß es den Westalliierten nicht darum gegangen war, daß in dem von ihnen eroberten Teil Deutschlands das deutsche Volk über die zu schaffende politische und wirtschaftliche Ordnung selbst bestimmen soll, sondern daß dies die Sieger alleine zu erledigen hatten, wie sie auch ihr „Grundgesetz“ 1949 dem „Parlamentarischen Rat“ aufs Auge drückten. Das Ergebnis war ein denkbar schwaches Regierungssystem, die sogenannte parlamentarische Demokratie, die besser als Oligarchie zu bezeichnen ist.

Selbstverständlich, dies wird von linken Autoren gerne weggelassen, handelten die sowjetischen Sieger in Mitteldeutschland analog. Unter ihrer Anleitung schufen die KPD- bzw. SED-Kommunisten einen Sozialismus unter bolschewistischen Vorzeichen – also mit Einparteidiktatur (garniert mit Blockparteien) und zentralistisch geführter Wirtschaftslenkung. Andere Modelle des Sozialismus, wie Arbeitnehmerselbstverwaltung und echte genossenschaftliche Mitbestimmung der Arbeiter und Angestellten, standen nicht zur Diskussion.

In Westdeutschland ging es dem Großkapital darum, das bürgerliche Eigentum zu retten, weshalb vor allem über die Kanzlerschaft Konrad Adenauers (CDU) alle Pläne zur deutschen Einheit sabotiert wurden – wie die Stalin-Note von 1952 –, da bei einem Kompromiß zwischen westlichen und östlichen Ordnungsmodellen die Verstaatlichung des großen Monopolkapitals gedroht hätte. Zudem boten die Westalliierten den westdeutschen Kapitalisten die Möglichkeit, zu einer freien Marktwirtschaft zurückzukehren – also ohne staatliche Preiskontrolle, die der Staatsbewirtschaftung des Dritten Reiches zugrunde lag.

Wer sich bei diesen historischen Startbedingungen von 1945 als Deutscher immer noch befreit fühlt, dem ist nicht mehr zu helfen! Es ist auch allzu einfach, diese Diskussion schwarz-weiß zu sehen, wobei es dann ausschließlich BRD-Gutmenschen und „Neonazis“ zu geben hat, wobei die einen sich erst nachträglich „befreit“ fühlen; die anderen, die sich nicht befreit fühlen, sich eins zu eins ein System zu wünschen haben, das dem zwischen 1933 und 1945 in Deutschland verwirklichten entspricht. Demgegenüber müßte klar sein, daß die Frage nach einer selbstbestimmten politischen und wirtschaftlichen Ordnung hierzulande die Angelegenheit aller Deutschen ist!

Jürgen Schwab

Bücher von Jürgen Schwab:
Angriff der neuen Linken – Herausforderung für die nationale Rechte. Hohenrain Verlag, Tübingen 2009, 19,80 Euro.
Die „Westliche Wertegemeinschaft“, Abrechnung, Alternativen. Hohenrain Verlag, Tübingen 2007, 19,50 Euro.
Volksstaat statt Weltherrschaft. Das Volk – Maß aller Dinge. Hohenrain Verlag, Tübingen 2002, 9,80 Euro.

Kategorien:Historisches

Ernst Thälmann: Stimme und Faust der Nation

April 13, 2010 1 Kommentar
Kategorien:Historisches

Carl Schmitt: Der Begriff des Politischen

„(…) Sind innerhalb eines Staates organisierte Parteien imstande, ihren Angehörigen mehr Schutz zu gewähren als der Staat, so wird der Staat bestenfalls ein Annex dieser Parteien, und der einzelne Staatsbürger weiß, wem er zu gehorchen hat. Das kann eine „pluralistische Staatstheorie“ rechtfertigen … In außenpolitischen und zwischenstaatlichen Beziehungen tritt die elementare Richtigkeit dieses Schutz-Gehorsam-Axioms noch deutlicher zutage: das völkerrechtliche Protektorat, der hegemonische Staatenbund oder Bundesstaat, Schutz- und Garantieverträge mannigfacher Art finden darin ihre einfachste Formel.

Es wäre tölpelhaft zu glauben, ein wehrloses Volk habe nur noch Freunde, und eine krapulose Berechnung, der Feind könnte vielleicht durch Widerstandslosigkeit gerührt werden. Daß die Menschen durch einen Verzicht auf jede ästhetische oder wirtschaftliche Produktivität die Welt z.B. in einen Zustand reiner Moralität überführen könnten, wird niemand für möglich halten; aber noch viel weniger könnte ein Volk durch den Verzicht auf jede politische Entscheidung einen rein moralischen oder rein ökonomischen Zustand der Menschheit herbeiführen.

Dadurch, daß ein Volk nicht mehr die Kraft oder den Willen hat, sich in der Sphäre des Politischen zu halten, verschwindet das Politische nicht aus der Welt. Es verschwindet nur ein schwaches Volk. (…)“

Zitiert aus Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, 1932

Kategorien:Historisches

Was auch heute noch Gültigkeit hat

Erstes Flugblatt der Weißen Rose. Nach einem Entwurf von Hans Scholl und Alexander Schmorell, Juni 1942.

Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique „regieren“ zu lassen. Ist es nicht so, daß sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt, und wer von uns ahnt das Ausmaß der Schmach, die über uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvolisten und jegliches Maß unendlich überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten? Wenn das deutsche Volk schon so in seinem tiefsten Wesen korrumpiert und zerfallen ist, daß es, ohne eine Hand zu regen, im leichtsinnigen Vertrauen auf eine fragwürdige Gesetzmäßigkeit der Geschichte das Höchste, das ein Mensch besitzt und das ihn über jede andere Kreatur erhöht, nämlich den freien Willen, preisgibt, die Freiheit des Menschen preisgibt, selbst mit einzugreifen in das Rad der Geschichte und es seiner vernünftigen Entscheidung unterzuordnen wenn die Deutschen, so jeder Individualität bar, schon so sehr zur geistlosen und feigen Masse geworden sind, dann, ja dann verdienen sie den Untergang. (…) Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt, werden die Boten der rächenden Nemesis unaufhaltsam näher und näher rücken, dann wird auch das letzte Opfer sinnlos in den Rachen des unersättlichen Dämons geworfen sein. Daher muß jeder einzelne seiner Verantwortung als Mitglied der christlichen und abendländischen Kultur bewußt in dieser letzten Stunde sich wehren, soviel er kann, arbeiten wider die Geißel der Menschheit, wider den Faschismus und jedes ihm ähnliche System des absoluten Staates. Leistet passiven Widerstand – Widerstand -, wo immer Ihr auch seid, verhindert das Weiterlaufen dieser atheistischen Kriegsmaschine, ehe es zu spät ist, ehe die letzten Städte ein Trümmerhaufen sind, gleich Köln, und ehe die letzte Jugend des Volkes irgendwo für die Hybris eines Untermenschen verblutet ist. Vergeßt nicht, daß ein jedes Volk diejenige Regierung verdient, die es erträgt! (…)

Wir bitten Sie, dieses Blatt mit möglichst vielen Durchschlägen abzuschreiben und weiterzuvertellen!

Inge Scholl: Die Weiße Rose. Erw. Neuausg. Frankfurt a. M. 1982, S. 96-121.

Kategorien:Historisches

Dresden: Die Verharmlosung eines Kriegsverbrechens

Am 13. Februar jährte sich einmal mehr die Bombardierung Dresdens im Jahr 1945. Am 13., 14. und 15 Februar wurde die mit Flüchtlingen aus den Ostgebieten vollgestopfte sächsische Stadt zunächst von britischen Luftverbänden angegriffen und fast vollständig zerstört. Nach der ersten Angriffswelle sollte ein US-amerikanisches Flächenbombardement der völlig wehrlosen Stadt erfolgen. Die Großmutter des Verfassers befand sich damals selbst in der vom Flammeninferno getroffenen Elbmetropole. Die auf Menschen- und Zivilistenvernichtung ausgehende Bombardierung Dresdens war darum besonders perfide, weil die Stadt damals als riesiges Lazarett diente. Eine bekannte Masche ist es, die Zahl der Toten in Dresden kontinuierlich nach unten zu fälschen, was in anderen Angelegenheiten sicherlich ein Fall für den Staatsanwalt wäre. Eine „Historikerkommission“ der Stadt Dresden will die Opferzahl „nur“ auf 25.000 beziffern. Andere Geschichtsfälscher setzen diese Zahl gar auf 18.000 Tote herab. Diese Relativierung eines Kriegsverbrechens sollte so nicht hingenommen werden. Die Zerstörung Dresdens und der Mord an zigtausenden Zivilisten werden zumeist mit der Bombardierung Coventrys durch deutsche Luftverbände gerechtfertigt. Das ist aber ein historisch gesehen absurder Vergleich: Coventry war der Hauptangelpunkt der britischen Militär – und Rüstungsindustrie. Die Luftkriegsführung der deutschen Seite war damals bei allen begangenen Kriegsverbrechen nicht darauf aus, möglichst viele Zivilisten zu töten. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die Luftwaffe bei Kriegsbeginn nicht einmal strategische Viermotorenbomber und Langstreckenjäger besaß. Im Gegensatz dazu war die britisch-amerikanische Strategie darauf ausgelegt, vor allem die Zivilbevölkerung zu treffen, um so deren „Moral“ zu brechen. Hinzu kam Churchills fanatischer Preußenhass, während Hitler im Bezug auf die Briten anglophil war und selbst in den letzten Monaten noch immer von einem Bündnis mit London gegen den „Bolschewismus“ träumte.

Die Zahl von 25.000 Toten ist schon allein aus mehreren logischen Gründen eine offensichtliche Geschichtslüge. Beim Angriff aus Dresden wurden ca. 75 Prozent der Wohngebäude vollständig zerstört, die Altstadt Dresdens wurde vollständig ausradiert, in Dresden hielten sich schätzungsweise bis zu 1.000.000 Menschen auf. Zerstört wurden ebenfalls zahlreiche Luftschutzkeller, wenn nicht gar die allermeisten. Die tatsächliche Anzahl der Opfer lässt sich nun kaum mehr feststellen, aber die Geschichtslüge von 25.000 Toten ist angesichts der Intensität der Bombardierung mehr als nur absurd. Die zunächst in der Bundesrepublik verbreitete Zahl von 35.000 Toten beruht darauf, dass zunächst eben nur 35.000 Tote identifiziert werden konnten, bei etwa 220.000 weiteren konnte dies aufgrund der fortgeschrittenen Verkohlung der Leichen nicht vorgenommen werden. Franz Kurowski schrieb in seinem Werk „Bomben auf Dresden“ folgendes: „Dass die Zahl der Vermissten in Dresden um ein Mehrfaches höher liegt als jene Listen mit den Suchmeldungen dies erhärtet, ist durch die besondere Lage in der Stadt erklärbar. Immerhin waren es nach den meisten Schätzungen zwischen 500.000 und 600.000 Flüchtlinge, Vertriebene und Ausgebombte aus Berlin und anderen Städten, die in Dresden Schutz gesucht hatten. Viele dieser Gruppen wurden völlig ausgerottet, so dass niemand eine Verlustmeldung oder gar eine Suchmeldung nach Vermissten aufgeben konnte. Dies trifft vor allem auf jene Flüchtlinge zu, denen von hilfsbereiten Dresdner Familien ein Dach über dem Kopf verschafft wurde, und die dann in den Kellern dieser Häuser zu Asche verbrannten. Wer sollte diese getöteten Flüchtlinge suchen? Auch hier gilt das, was in allen Katastrophenlagen eherne Gültigkeit hat: Jeder der Überlebenden sucht seine vermissten näheren Verwandten und Freunde. Und nähere Verwandte und Freunde waren Flüchtlinge nicht,……..“ Der ehemalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) schrieb im Jahr 1955: „Der Angriff auf die mit Flüchtlingen überfüllte Stadt Dresden am 13.2.1945 forderte alleine etwa 250.000 Tote“. (Presse und Informationsdienst der Bundesregierung, 1955). Das Internationale Rote Kreuz gab die Zahl der Todesopfer in seinem sachlichen Bericht „Report of the joint Relief 1941-1946“ gar mit 275.000 an. Macht also das Rote Kreuz nur „Nazi-Propaganda“? In Wahrheit war es so gewesen, dass der NS-Propagandaminister die Zahl der Toten herunterlügen wollte, um nicht zugeben zu müssen, dass die Zivilbevölkerung den Bombardierungen völlig hilflos ausgeliefert war.

Die Zahl der Opfer muss folglich weit über der Zahl von 25.000 oder 35.000 Toten gelegen haben. Die Verdrehung der Tatsachen, die Rechtfertigung und die Relativierung dieses Kriegsverbrechens, welches insgesamt in einem Zusammenhang mit dem Bombenterror gegen deutsche Städte durch die anglo-amerikanischen Luftverbände gesehen werden muss, erinnert durchaus an die Völkermordleugnung etwa eines Horst Mahler. Absurd ist auch der ständige Verweis darauf, dass der 2. Weltkrieg ja von Deutschland ausgegangen sei, insofern sei ja auch die Bombardierung Dresdens gerechtfertigt. Was ist das eigentlich für eine Logik? Nimmt man dies ernst, dann hätten etwa die Afghanen und Serben ein Recht darauf Berlin in Schutt und Asche zu bomben, die Irakis und Vietnamesen können dann New York und Washington dem Erdboden gleichen machen und so weiter und so fort. Natürlich hätten sie darauf zu achten, vor allem zivile Ziele anzugreifen, und zwar ohne jede Rücksicht auf die betroffenen Zivilisten, ja, sie müssten es regelrecht darauf anlegen, möglichst viele Zivilisten zu ermorden. Ziemlich kranke „Logik“, oder? Churchill gab in Vorbereitung des Kriegsverbrechens von Dresden folgende abartige Losung aus: „Ich möchte keine Vorschläge haben, wie wir kriegswichtige Ziele im Umland von Dresden zerstören können, ich möchte Vorschläge haben, wie wir 600.000 Flüchtlinge aus Breslau in Dresden braten können.“ Im Juli 1944 forderte Winston Churchill vom britischen Planungsstab einen Plan zur Durchführbarkeit eines Gaseinsatzes. Als dieses Ansinnen abgelehnt wurde, wollte das Mr. Churchill nicht hinnehmen und antwortete: „Ich muss Sie bitten, mich bei der Anwendung von Gas zu unterstützen. Wir könnten die Städte an der Ruhr und viele andere derart mit Gas überschütten, dass der größte Teil der deutschen Bevölkerung ständige medizinische Betreuung benötigt.“

Für Aufsehen sorgte vor einiger Zeit eine Rede des NPD-Abgeordneten Jürgen Gansel im sächsischen Landtag. Dabei sprach Gansel von einem „Bomben-Holocaust“. In Wort- und Schrift äußerte dabei Jürgen Gansel folgendes: „Warum, meine Damen und Herren, winden Sie sich heute so, all die Dinge beim Namen zu nennen, die völlig unstrittig sind? Warum diese paranoiden Versuche, den Bombenholocaust herunter zu rechnen? Warum dieser erbärmliche Nationalmasochismus? Bei keinem normalen Volk der Welt gäbe es ein solches Verhalten, wie Sie es hier an den Tag legen.“ Daraufhin äußerte ein offenbar völlig fassungsloser SPD-Abgeordneter namens Gerlach: „Herr Präsident! Ich möchte hier lediglich im Namen der vielen Freunde, die ich in Israel und auf der ganzen Welt habe, eine Richtigstellung machen… Nur das. Das Wort Holocaust ist ein für allemal für diesen einmaligen und mit nichts vergleichbaren barbarischen Akt der Vernichtung von Menschen durch die Nazis belegt. Ich verwahre mich als Mitglied dieses Landtages davor, dass dieses Wort – von wem auch immer – mit irgendwelchen anderen Begriffen vermischt oder verwoben wird.“ Nun kann man Jürgen Gansel nun wahrlich nicht nachsagen, dass er frei von unsinnigen Vorurteilen gegenüber Juden wäre. Allerdings hätte dem SPD-Gutmenschen vielleicht ein Blick in ein Lexikon oder Wörterbuch weiterhelfen können. Holocaust kommt der Sprachbedeutung nach aus dem Altgriechischen und bedeutet „Brandopfer“ oder „vollständig verbrannt“. In Armenien spricht man vom Holocaust am armenischen Volk durch die türkische Vertreibung und den sich daraus ergebenden Völkermord, die Ukrainer sprechen vom Hunger-Holocaust durch den Stalinismus, afrikanische Historiker sprechen vom „afrikanischen Holocaust“ durch den europäischen Kolonialismus. Gansel war sich sicherlich dessen bewusst, dass dieser Satz entsprechende Reaktionen hervorrufen würde und er hatte dies wohl auch einkalkuliert.

Die politische Linke betrachtet die Gegendemonstrationen zum Aufmarsch der JLO, der NPD und der Freien Kameradschaften als eine Art Jahreshöhepunkt. Ein Top-Event der Antifa, die sich hier mit dem bürgerlichen „Protest“ vermischt und sich je nach Ausrichtung (Antinational oder Antideutsch) darum streitet, inwieweit man mit der „Zivilgesellschaft“ kooperieren darf. Das Bündnis „No Pasaran“ setzt auf eine gemeinsame Aktion mit den bürgerlichen Kräften, während sich die antideutsche Antifa im sogenannten „Venceremos“-Bündnis sammelte und No Pasaran als „Teil des Problems“ betrachtet. Polizeikräfte hatten im Vorfeld Räume des Antifa-Szene-Ladens „Red Stuff“ und der Linkspartei durchsucht. Eine Bundestagsabgeordnete, die mit Mitgliedern des Jugendverbandes „Solid“ Plakate geklebt hatte, wurde gar vorübergehend festgenommen. Antifa, Linkspartei, Grüne und SPD sprachen von einem Riesenskandal und „Staatsterrorismus“. Dietmar Bartsch kündigte an, das beschlagnahmte Plakat „Dresden nazifrei – Gemeinsam blockieren“ in seiner Bundesgeschäftsstelle aufzuhängen. Die Grünen witterten gar „antidemokratische Einstellungen“ bei der Dresdner Polizei. Die Bundesvorsitzende der Jusos, Franziska Drohsel, bezeichnete die Polizeiaktion als „Skandal“, durch den zum wiederholten Mal „antifaschistischer Protest kriminalisiert“ werde. Für die Jusos sei es eine „Selbstverständlichkeit, gegen die menschenverachtende Ideologie von Rechtsextremen aufzustehen“ und sich „den Nazis in den Weg zu stellen“.

Bei den Gegenprotesten äußert sich der Nationalmasochismus etwa in der Aufforderung, diesen Massenmord zu wiederholen. Unter der Parole: „Bomber Harris- do it again“ äußern antideutsche Antifa-Angehörige ihren Wahn. Gegen diese Mordaufrufe positioniert sich leider nur eine Minderheit in der deutschen Linken, so etwa Werner Pirker („Dresden war ein Kriegsverbrechen“) oder das Portal des Stalinisten Günter Ackermann („Kommunisten Online“). Die Konkret-Autorin und spätere Angehörige der RAF, Ulrike Meinhof, führte in einer Kolumne Folgendes aus: „In Dresden ist der Anti-Hitler-Krieg zu dem entartet, was man zu bekämpfen vorgab und wohl auch bekämpft hatte: Zu Barbarei und Unmenschlichkeit, für die es keine Rechtfertigung gibt. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass es den gerechten Krieg nicht gibt – Dresden wäre der Beweis. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass der Verteidigungsfall zwangsläufig zu Aggression entartet – Dresden wäre der Beweis. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass die Völker von den kriegsführenden Regierungen selbst missbraucht werden – Dresden wäre der Beweis. Dass an der Bahre Sir Winston Churchills das Stichwort Dresden nicht gefallen ist, legt den Verdacht nahe, Dresden sollte immer noch dem Volk angelastet werden, das doch selbst betrogen worden ist. Es ist der gleiche Takt, den die Bundesregierung praktiziert, wenn sie die Verjährungsfrist für in der NS-Zeit begangenen Mord nicht aufhebt. Wer die Täter nicht denunziert, denunziert aber die Völker.“

Wer heute auf der „Linken“ die Untat, das Kriegsverbrechen von Dresden bejubelt, der sollte sich darüber im Klaren sein, welche auf die Gegenwart projizierte Konsequenz sich daraus ergibt. Die antideutschen Neocons ziehen eine direkte Verbindungslinie nach Bagdad und Teheran – „von Dresden nach Bagdad“. In dieselbe Kerbe schlägt die große israelische Tageszeitung „Yehdi Achronoth“ die u.a. mit der Gleichung aufwartete: „Bagdad = Dresden“. Die Redaktion der Bahamas schrieb etwa: „So werden die Bomben, die höchstwahrscheinlich demnächst Bagdad und andere irakische Städte treffen werden, in Wirklichkeit die Deutschen meinen. Sie sind schon jetzt ganz retraumatisiert.“ Davon wird auch die bereits genannte Franziska Drohsel (Juso-Chefin) ein Lied singen können. Diese meinte nämlich, das sowieso höchstens halbherzige Nein des SPD-Bundeskanzlers Schröder zum Irakkrieg als „antisemitisch“ brandmarken zu können.

Nun soll selbstverständlich nicht allen, die in Dresden „blockieren“ werden, unterstellt werden, dass sie es nun auf den Krieg gegen etwa Teheran abgesehen werden, allerdings hätten sie sich die Frage zu stellen, warum sich die linksliberale Spaßgesellschaft zum fröhlichen Blockieren mobilisieren lässt, jedoch kaum, wenn es darum geht, um die Opfer des „neuen Faschismus“ – nämlich des aktuellen Imperialismus – zu trauern. Wer trauert um die Bombenopfer von Belgrad, Falludschah und Bagdad? Wer blockiert derart mutig und mit dieser Mobilisierung ein NATO-Kriegstreffen? Wo wären da die mutigen „Antifaschisten“ Bartsch und Drohsel? Diese würden wohl eher „Antiamerikanismus“ und „alles Antisemiten außer Mutti“ schreien. Dieselbe Frage muss aber auch an den NW gehen, der voraussichtlich bis zu 6000 Teilnehmer mobilisieren wird. Wo sind jene, wenn es um die aktuelle Kriegsgefahr geht? Beim Protest gegen Sozialabbau? Bei den Fragen nach einer antikapitalistischen Positionierung?

Kategorien:Historisches

Ernst Niekisch – ein deutscher Revolutionär

 

Anlässlich des 40. Todestages von Ernst Niekisch (gestorben am 23. Mai 1967) möchten wir an das Leben und politische Wirken dieses großen deutschen Revolutionärs erinnern.

Am 23. Mai 1889 wird Ernst Niekisch als Sohn eines Handwerkers im oberschlesischen Trebnitz geboren.

1912 wird Niekisch Lehrer in Augsburg. Seine politische Orientierung vollzieht sich im Laufe des 1. Weltkrieges. Er liest Schoppenhauer, Nietzsche, Hegel, Kant und Marx.

1917 wird er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei (SPD). Im November 1918 erfolgt der Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches. Die Monarchie wird gestürzt und sowohl in Berlin als auch in München die Republik ausgerufen. Niekisch wird in Augsburg Vorsitzender der Soldaten- und Arbeiter-Räte. Nach der Ermordung Kurt Eisners am 21. Februar 1919, der führenden Figur der Münchner Rätebewegung, wird Niekisch auch noch Vorsitzender des Zentralrates der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte, somit also faktisch zum bayerischen Regierungschef. Sein Versuch, einen Ausgleich zwischen Rätebewegung und Parlament zu finden, wird zwischen den Extremen zerrieben. Verhandlungen mit der nach Bamberg ausgewichenen parlamentarischen Regierung scheitern. Währendessen übernahmen in München die radikalen Kommunisten die Macht. Gegen diese kommunistische Revolte wurden nun die Freikorps des Ritter von Epp in Marsch gesetzt. Niekisch hatte erkannt, dass eine isolierte bayerische Rätedemokratie in Deutschland nicht funktionieren wird, und die soziale und konfessionelle Struktur Bayerns für eine solche Regierungsform nicht geeignet ist. Die Freikorps zerschlagen schließlich das Rätesystem. Niekisch wird als „Rädelsführer“ des Rätesystems zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Am Tag seiner Verhaftung erklärt er seinen Austritt aus der SPD und wird Mitglied der radikaleren Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD). Nach seiner Haftentlassung wird er Fraktionsvorsitzender der USPD im bayerischen Landtag. Sehr bald löst sich die USPD aber wieder auf. Ein Teil wechselt wieder zur Mutterpartei SPD, so auch Niekisch. Der größere Teil aber tritt der neuen Vereinigten Kommunistischen Partei (VKPD) bei.

1922 legt Niekisch sein Amt als stellv. Fraktionschef der bayerischen SPD nieder und zieht nach Berlin, wo er die Jugendabteilung des damals einflussreichen Deutschen Textilarbeiterverbandes übernimmt.

1923 gerät Niekisch in Kontakt mit dem Hofgeismarer Kreis der Jungsozialisten, die aufgrund des Versailler Diktats zu einer nationalistischen linken Politik tendieren. Motto der Hofgeismarer Jungsozialisten: „Der neue Typ ist radikal und konservativ zugleich, doch ist sein Konservatismus nicht reaktionär und sein Radikalismus nicht rationalistisch. Der Hofgeismarer Kreis vertritt somit klar einen Deutschen Sozialismus.“

In „Hofgeismarer Gesinnung“ erscheinen 1925 die ersten beiden Broschüren von Niekisch.

Schon mit seiner ersten Broschüre „Der Weg der deutschen Arbeiterschaft zum Staat“ wird der Bruch mit dem Marxismus offensichtlich. Niekischs Argumentation ist sozialistisch, aber auch national. So schreibt er: „Der deutsche Arbeiter muss der national aktivste, in seiner Daseinsnot der kühnste, außen- wie innenpolitisch der revolutionärste Volksteil sein, weil sie der außen- und innenpolitisch Bedrückteste ist, der nur zu gewinnen, kaum noch etwas zu verlieren hat.“

Niekisch lehnt den Internationalismus, die Auflösung der Völker als „Phantastik der Vernünftelei“ ab, indem er folgendermaßen argumentiert: „Es sei zwar gut, wenn es eine internationale Klassensolidarität gäbe, aber dieses Klassenverbundenheitsgefühl wird sogleich dahin schmelzen , wenn der Staat, die politische Form jener Menschheitsgemeinschaft, die Volk genannt wird, in seinen Grundlagen bedroht erscheint, wenn seine Lebenskraft, seine Widerstandsfähigkeit in Frage gestellt wird. Die Zugehörigkeit zum Staate (zum Volk) wird ungleich bedeutsamer und lebenswichtiger empfunden als die Zugehörigkeit zur Klasse, die internationale Klassenbindung verliert alle Kraft, die internationale Klassensolidarität verflüchtigt sich.“ In der Außenpolitik fordert er eine eindeutige Ostorientierung “ Man dürfe das russische Problem nicht unter sozialen Gesichtspunkten sehen, sondern unter außenpolitischen. Die angelsächsischen Staaten schickten sich an, der Welt ihr Gesetz und ihr Gepräge aufzudrücken. Die Ostorientierung würde den Westen, von dem alle Bedrohung kommt, abwehren, der soziale Umsturz als nationale Tat sei genauso gefordert, wie der antikapitalistische Vorstoß als Mittel zur Rettung des Vaterlandes.“

Seiner Partei, der SPD, gefallen diese Thesen ganz und gar nicht. Durch die massive Einflussnahme zahlreicher SPD-Politiker verliert Niekisch seine Anstellung beim Textilarbeiterverband. Im Gegenzug verlässt Niekisch 1926 die SPD und wechselt zu der 1925 in Sachsen gegründeten Alten Sozialdemokratischen Partei (ASP), einer SPD-Abspaltung mit nationaler Ausrichtung. Auch dieser Erneuerungsversuch bringt auf die Dauer nichts. 1928 verlässt Niekisch auch die ASP.

Bereits ab 1926 beginnt Niekisch verstärkt publizistisch zu wirken, indem er die Zeitschrift „Widerstand – Blätter für sozialistische und nationalrevolutionäre Politik“ gründet.

Ideologisch wandelt Niekisch während der Zeit der Herausgabe des „Widerstandes“ mehrmals seine Position. Die Zeitschrift vertritt anfangs einen proletarischen Nationalismus, der sich an der Arbeiterklasse orientiert. Als der Versuch gescheitert war, die Ideen der Zeitschrift in der Arbeiterschaft zu verankern, vertritt Niekisch ab 1929 die These, eine „nationale Minderheit“ müsse die Politik machen. Ab 1930 erfolgt eine erneute Radikalisierung unter der Formel „Preußischer Bolschewismus“. Es wird der vollständige Bruch mit der europäischen Zivilisation gefordert, das Christentum insgesamt wird abgelehnt. In allen Lagern horchte man auf, als Niekisch provozierend erklärte: „Wir sind keine Kommunisten, aber um der Nation willen des Kommunismus fähig.“

In dem Aufsatz „Der politische Raum deutschen Widerstands“ beleuchtet er die Lage der Weimarer Republik: „Seit 1918 treiben die Dinge in Deutschland jenem Punkt zu, auf dem die Lebensnotwendigkeiten des Staates in unversöhnlicher Gegensatz zu den Lebensnotwendigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft treten, auf der man schlechterdings seine Wahl für den Staat oder die bürgerliche Gesellschaft zu treffen hat. Seitdem gibt es allein noch den Bürger oder den Deutschen; der deutsche Bürger wurde zu einem hoffnungslosen Widerspruch in sich. Bürgerliche deutsche Politik ist sachlich nicht mehr möglich; sie endet notwendigerweise immer wieder im bürgerlichen Verrat an Deutschland… Deutsche Politik, die den deutschen Lebensnotwendigkeiten gerecht werden will, kann nur antibürgerlich, antikapitalistisch, antiabendländisch sein; ist sie das nicht, dann spielt sie unvermeidlich immer wieder Frankreich in die Hände.“ (Frankreich ist für Niekisch das Symbol für den Niedergang des Westens). Das Bürgertum müsse hinweggefegt werden, weil es zum Herrschaftsinstrument der Versailler Ordnung über Deutschland wurde. Aus Gründen deutscher Selbsterhaltung, so der Nationalrevolutionär Niekisch, müsse man das Privateigentum ähnlich wie in Russland aufs äußerste einschränken. Die deutschen Kommunisten lehnt Niekisch ab, er wirft ihnen Moskauhörigkeit und das Fehlen einer nationalen Gesinnung vor.

Niekisch hatte lange Zeit den Aufstieg Hitlers und der NSDAP nicht ernst genommen. 1932 erscheint eine Broschüre Niekischs unter dem Titel. „Hitler – ein deutsches Verhängnis“, in der er mit dem Nationalsozialismus gnadenlos abrechnet. Niekisch wirft der NSDAP vor, sie sei zu „westlerisch“ eingestellt und orientiere sich zu sehr an dem faschistischen Italien. Dies trifft durchaus zu, so bewunderte Hitler den italienischen „Duce“ Benito Mussolini und außerdem galt Hitler als ein Bewunderer des britischen Empire. Laut Niekisch war die NSDAP auch nicht sozialistisch, sondern bürgerlich. Hitler, so Niekisch, sei ein Demagoge. Niekisch weiter: „Hitlers Sozialismus war ein Taschenspielertrick der kapitalistischen Ordnung“. Geradezu prophetisch nehmen sich die letzten Sätze der Broschüre „Hitler – ein deutsches Verhängnis“ aus, als bereits 1932 das Ende des Nationalsozialismus angekündigt wird: „Nach dem Untergang des Nationalsozialismus bleibe ein ermattetes, erschöpftes, enttäuschtes Volk zurück, das alle Hoffnung fahren lässt und müde am Sinn jener ferneren deutschen Gegenwehr verzweifelt. Die Versailler Ordnung aber wird gefestigter sein, als sie es jemals war.“ Rund um die Zeitschrift „Widerstand“ hatte Niekisch versucht, Organisationen aufzuziehen.1930/1931 baute er die „Widerstandsbewegung“ auf. Wesentliche Teile der Niekisch-Anhänger kamen vom Bund Oberland. Insgesamt hatte die „Widerstandsbewegung“ ein paar hundert Mitglieder.

Am 30. Januar 1933 kommt Hitler an die Macht. Trotz seines Widerstandes gegen Hitler kann Niekisch noch einige Zeit ungestört agieren. Erst Ende 1934 werden dann die „Widerstandsbewegung“ und die Zeitschrift „Widerstand“ verboten. Aber erst 1937 schlägt das Hitler-Regime zu, indem Niekisch und weitere 70 Personen aus dem Umfeld des Widerstand-Kreises verhaftet werden. 1939 wird er wegen „Hochverrats“ zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt. Im April 1945 kommt Niekisch frei. Die fast achtjährige Haftzeit hat ihn gebrochen, er war gelähmt und halb blind. Noch im Sommer 1945 schließt er sich der KPD an. Später wird er Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei (SED). 1949 wird er ordentlicher Professor an der Humboldt-Universität in Berlin und Abgeordneter in der DDR-Volkskammer. Seine Schriften aus dieser Zeit, wie das Buch „Deutsche Daseinsverfehlung“, wirken sehr vulgär-marxistisch. Das bessert sich jedoch mit späteren Büchern, die zwischen 1950 und 1953 erscheinen. Niekisch erkannte bald, dass die DDR nichts anderes darstellte als eine Kolonie der Sowjetunion. Nach dem Arbeiteraufstand in der DDR am 17. Juni 1953 brach Niekisch mit dem DDR-Regime. Er verlässt freiwillig die SED, nachdem er vor dem Kulturbund eine Rede gehalten hatte, in der er die Missstände in der DDR anprangerte: „Man könne in der DDR von einer Grundbefindlichkeit der Angst sprechen. Es sei unerträglich, wenn Menschen verhaftet werden, ohne dass ihre Angehörigen je noch etwas von den Abgeführten erfahren würden.“ Nach diesem offenen Bruch mit der DDR und der SED zieht Niekisch nach West-Berlin. An seinem 78. Geburtstag stirbt er am 23. Mai 1967 in Berlin, vergessen, verlassen und politisch unbedeutend.

Heute wird dieser eigenwillige deutsche Denker wieder entdeckt. Sebastian Haffner schrieb über Niekisch in den 80er Jahren: „Die antibürgerlichen, antikapitalistischen, antiwestlichen Revolutionsparteien der Dritten Welt tragen alle demselben Namen: FLN – auf deutsch Nationale Befreiungsfront. Die sozialistische Revolution trägt überall die nationalistische Fahne! So unwahrscheinlich es klingen mag; der wahre Theoretiker der Weltrevolution, die heute im Gange ist, ist nicht Marx und nicht einmal Lenin. Es ist Niekisch.“

Jürgen Hatzenbichler schreibt in seinem Buch “ Querdenker –Konservative Revolutionäre“ über Ernst Niekisch: „Seine Gedanken bleiben intellektuell anregend und interessant. Die Radikalität mit der er daran ging, Nationalismus und Sozialismus miteinander zu verbinden, war wohl einmalig. Vor allem erkannte er früh, welche Rolle der Begriff des Westens spielt, und dass Deutschland sich davon abkoppeln muss, dass der natürliche deutsche Partner der Osten ist.“

Gerade in der heutigen Zeit kann Ernst Niekisch wieder ein Vorbild sein für die revolutionäre deutsche Jugend, die heute mehr den je gegen die westliche Vorherrschaft, angeführt durch die USA und den menschenverachtenden Kapitalismus, um die Existenz und die Freiheit des deutschen Volkes kämpfen muss. Die folgenden Worte von Ernst Niekisch sollten dabei der Leitfaden sein für die neue revolutionäre Jugend: „Entweder wir sind ein revolutionäres Volk oder wir werden im Sumpf ersticken und endgültig aufhören, ein freies Volk zu sein.“

Kategorien:Historisches

Dresden

Januar 29, 2010 1 Kommentar

Von Ulrike M. Meinhof

(konkret, Nr. 3, 1965)

Vor zwanzig Jahren, am 13. und 14. Februar 1945, in der Nacht von Fastnachtdienstag auf Aschermittwoch, ist der größte Luftangriff der alliierten Bomberkommandos im Zweiten Weltkrieg auf eine deutsche Stadt geflogen worden: Der Angriff auf Dresden. Dreimal innerhalb von 14 Stunden wurde die Stadt bombardiert. Von 22 Uhr 13 bis 22 Uhr 21 dauerte der erste Schlag. Als die englischen Bomber abflogen, hinterließen sie ein Flammenmeer, das über 80 Kilometer weit den Himmel glühend machte. Der zweite Schlag erfolgte von 1 Uhr 30 bis 1Uhr 50. Die abfliegenden Bomber haben die Feuer von Dresden über 300 Kilometer weit beobachten können. Den dritten Angriff flog ein amerikanisches Bombengeschwader am nächsten Vormittag zwischen 12 Uhr 12 und 12 Uhr 23.

Über 200 000 Menschen sind in den Flammen von Dresden umgekommen. Der Engländer David Irving schreibt in seinem Buch „Der Untergang Dresdens“: „Zum ersten Mal in der Geschichte des Krieges hatte ein Luftangriff ein Ziel so verheerend zerstört, daß es nicht genügen unverletzte Überlebende gab, um die Toten zu begraben.“

Dresden hatte 630 000 ständige Einwohner. Als es zerstört wurde, hielten sich über eine Million Menschen in dieser Stadt auf. Man schätzt 1,2 bis 1,4 Millionen. Flüchtlinge aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen, Evakuierte aus Berlin und dem Rheinland, Kindertransporte, Kriegsgefangene und Fremdarbeiter. Dresden war eine Sammelstelle für genesende und verwundete Soldaten. Dresden hatte keine Rüstungsindustrie. Dresden war eine unverteidigte Stadt ohne Luftabwehr. Dresden galt in ganz Deutschland als eine Stadt, die nicht bombardiert werden würde. Es gab Gerüchte, wie: Die Engländer würden Dresden schonen, wenn Oxford nicht angegriffen würde – oder: Die Alliierten würden Dresden nach dem Krieg zur deutschen Hauptstadt machen und deshalb nicht zerstören. Es gab noch mehr Gerüchte, aber vor allem konnte sich kein Mensch vorstellen, daß eine Stadt, die täglich neue Krankenhäuser und Lazarette einrichtete, in die täglich Hunderttausende von Flüchtlingen, hauptsächlich Frauen und Kinder, einströmten, bombardiert werden würde.

Militärisch interessant an Dresden war höchstens ein größerer Güter- und Truppenumschlagbahnhof. Aber in den drei Angriffen, als man zuerst Sprengbomben abwarf, um Fenster zum Platzen zu bringen und Dächer zum Einsturz, um Dachstühle und Wohnungen den folgenden Brandbomben um so schutzloser auszuliefern, als das alles planmäßig mit höchster Präzision ablief, da wurde dieser Bahnhof kaum getroffen. Als Tage darauf Berge von Toten aufgeschichtet wurden, waren die Gleise schon wieder repariert. – Dresden hat sieben Tage und acht Nächte lang gebrannt.

Man hatte den englischen Soldaten, die die Angriffe geflogen haben, nicht die Wahrheit gesagt. Man hat gesagt: Ihre Flotte greift das Oberkommando des Heeres in Dresden an. Man hat gesagt, Dresden sei ein wichtiges Nachschubzentrum für die Ostfront. Man hat gesagt, das Angriffsziel sei ein Gestapo-Hauptquartier im Stadtzentrum, ein wichtiges Munitionswerk, ein großes Giftgaswerk. –

Schon 1943 hatte es in der britischen Öffentlichkeit Proteste gegen die Bombardierung der deutschen Zivilbevölkerung gegeben. Der Bischof von Chichester, der Erzbischof von Canterbury, der Kirchenpräsident der Church of Scotland erhoben ihre Stimme. Ihnen aber ebenso wie einem Labourabgeordneten im englischen Unterhaus wurde gesagt, das sei nicht wahr, daß ein Befehl ergangen wäre, Wohngebiete statt Rüstungszentren zu zerstören. Es ist der englischen Regierung unter ihrem Premierminister Sir Winston Churchill bis zum Ende des Krieges, bis März 45, gelungen, den tatsächlichen, absichtlichen, planmäßigen Charakter der britischen Bombenangriffe auf deutsche Städte geheim zu halten. Dresden war der Höhepunkt dieser Politik. Dresden ging in Schutt und Asche, zwei Jahre nachdem der Ausgang des Zweiten Weltkrieges in Stalingrad entschieden worden war. Als Dresden bombardiert wurde, standen die sowjetischen Truppen schon an der Oder und Neiße, lag die Westfront am Rhein. Der Oberbefehlshaber der Royal Air Force, Sir Arthur Harris, der den Einsatz gegen Dresden geleitet hatte, ging ein Jahr danach, am 13. Februar 1946, in Southhampton an Bord, um das Land zu verlassen, das nicht mehr bereit war, seine Verdienste zu würdigen. Als die deutsche Bevölkerung die Wahrheit über Auschwitz erfuhr, erfuhr die englische Bevölkerung die Wahrheit über Dresden. Den Tätern wurde der Ruhm versagt, der ihnen von den Regierenden versprochen worden war. Hier und dort.

In Dresden ist der Anti-Hitler-Krieg zu dem entartet, was man zu bekämpfen vorgab und wohl auch bekämpft hatte: Zu Barbarei und Unmenschlichkeit, für die es keine Rechtfertigung gibt.

Wenn es eines Beweises bedürfte, daß es den gerechten Krieg nicht gibt – Dresden wäre der Beweis. Wenn es einen Beweises bedürfte, daß der Verteidigungsfall zwangsläufig zu Aggression entartet – Dresden wäre der Beweis. Wenn es einen Beweises bedürfte, daß die Völker von den kriegsführenden Regierungen selbst mißbraucht werden – Dresden wäre der Beweis. Daß an der Bahre Sir Winston Churchills das Stichwort Dresden nicht gefallen ist, legt den Verdacht nahe, Dresden sollte immer noch dem Volk angelastet werden, das doch selbst betrogen worden ist. Es ist der gleiche Takt, den die Bundesregierung praktiziert, wenn sie die Verjährungsfrist für in der NS-Zeit begangenen Mord nicht aufhebt. Wer die Täter nicht denunziert, denunziert aber die Völker.

aus: Ulrike Marie Meinhof: Die Würde des Menschen ist antastbar. Aufsätze und Polemiken. Berlin: Wagenbach, 1986.

Kategorien:Historisches

Die nationalrevolutionäre Dimension des Rudi Dutschke

Die Zeit, in der Rudi Dutschke das geteilte Nachkriegsdeutschland prägte, liegt nun schon rund 60 Jahre zurück. Die, bei denen es heute als „schick“ gilt, sich als alter Kampf- und Weggefährte Dutschkes darzustellen, haben ihren Weg an die Spitze der bundesrepublikanischen Gesellschaft längst gemacht.

Mit dem damals ungeliebten Staat haben sie sich arrangiert; genaugenommen verkörpern sie ihn sogar. Intellektuell und emotional wollen sie heute als Kreuzritter der Menschenrechte, der Toleranz und der Demokratie verstanden werden. Dr. Klaus Rainer Röhl (Ex-Ehemann von Ulrike Meinhof und ehem. Herausgeber der „Konkret“) unterteilt sie in „Riesen und Wurzelzwerge“. Pikant ist nur, daß Dr. Röhl einst in den Reihen jener stand, vor denen er heute warnt. Manch einer der „Ehemaligen“ wurde vom Saulus zum Paulus. Zwei weitere wichtige Exponenten: Horst Mahler und Bernd Rabehl. Und die Bekehrten verhalten sich alles andere als ruhig. Rabehl, tätig als Dozent an der Freien Universität Berlin, ist jüngst durch einen schmalen Band aufgefallen, welcher – gemessen an seinem Umfang – für erstaunlich viel Aufsehen und Empörung in den Reihen der orthodoxen „68iger“ sorgte. „Rudi Dutschke, Revolutionär im geteilten Deutschland“, so der Titel, ließ manchen braven Revolutionsopa schäumen vor Wut. Denn plötzlich wird die Ikone der altlinken Gutmenschen entweiht. Rudi Dutschke, wo kam er her, wo wollte er hin? Wo er nun wirklich hin wollte, kann heute niemand beantworten. Aber es lassen sich trefflich Spekulationen aufstellen, Parallelen zu dem Wirken junger nationaler Oppositioneller der Gegenwart ziehen, Interpretationen und Analysen aus Dutschkes Nachlass entwerfen.
Rudi Dutschke wird am 7. März 1940 in Schönfeld, in der Mark Brandenburg, als vierter Sohn eines Postbeamten geboren. Verfolgen wir Dutschkes Lebenslauf weiter, kommen wir unweigerlich zur ersten Parallele. Dutschke, dessen Kindheit in die Aufbaujahre der DDR fällt, entlarvt sich nach seinem Abitur als DDR-Bürger der unbequemeren Art. Er ist Idealist und bezahlt den Preis, nämlich Berufsverbot im Arbeiter- und Bauernparadies. Trotz ideologischer Bearbeitung durch den Schulleiter der Luckenwaldener „Lenin-Oberschule“ bleibt Dutschke standhaft und reagiert seinerseits mit einem dreiseitigen Brief an den Schulleiter, in dem er seine Begründung zur Wehrdienstverweigerung darlegt. Da heißt es noch zaghaft „Wenn ich auch an Gott glaube und nicht zur Volksarmee gehe, so glaube ich dennoch, ein guter Sozialist zu sein.“

Nur die Mächtigen der DDR waren zu diesem Zeitpunkt bereits anderer Auffassung. Da man nicht mehr gewillt war, an Dutschke einen Studienplatz zu vergeben, zog dieser die Konsequenzen. 1960 zieht er um, nach West-Berlin. Das Zurücklassen der Familie und der gewohnten und vertrauten Lebensumstände und die ersten Eindrücke aus der „freien westlichen Welt“ müssen eine weitere, entscheidende Prägung beim jungen Dutschke hinterlassen haben. Dies radikalisiert sich am 13. August 1961, als Walter „Spitzbart“ Ulbricht die Mauer bauen läßt, oder nach DDR-Diktion, den „antifaschistischen Schutzwall“. Doch auf welcher Seite dieses Schutzwalls waren die Faschisten denn nun zu finden? Dies muß die Frage gewesen sein, die Dutschke in dieser Zeit gequält hat. Vielleicht um dies beantworten zu können, widmete er sich einem ausgiebigen Soziologiestudium an der Freien Universität Berlin. Nun legt er den Grundstein für seine breite Theorierezeption. Glaubt man seinen Zeitgenossen, so sind dies die Jahre, in denen er unaufhörlich liest und arbeitet. Hegel, Marx und Lenin dürften wohl Schwerpunkte gewesen sein. Wollen wir Dutschkes Motivation zu diesen geistigen Anstrengungen verstehen, müssen wir uns den krassen Milieuwechsel vom provinziellen, kleinbürgerlichen Luckenwalde mit seiner wohlgefügten Ordnung hin zu der vitalen Metropole West-Berlin bewußt machen. So wie wir Dutschke bisher kennen gelernt haben mag man vermuten, daß ihm der Geruch des Außenseitertums anhing. Tatsächlich aber fand er bald Anschluß an andere Studenten, die ebenso eifrig politische Theorien aufgesogen haben und schließlich 1962/63 die „Subversive Aktion“ aus der Taufe hoben, mit Dutschke als Gründungsmitglied, die 1964 in den „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDS) überführt wurde. Seine Lebensgefährtin Gretchen Klotz klärt er über seine Heiratsunfähigkeit auf, da er ausschließlich mit der Revolution verheiratet sei. 1966 sollte es dennoch zu einer Heirat kommen. Aus der Ehe gingen die Kinder Hosea Ché (geb. 1968) und Polly Nicole (geb. 1969) hervor.

Ab 1967 tritt Dutschke zunehmend in die Öffentlichkeit. Auslöser dafür war der Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der durch den Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras am 2. Juni 1967 im Verlaufe einer Demonstration gegen den Schah des Iran (welcher zeitgleich in Berlin anläßlich eines Staatsbesuchs weilte) erschossen wurde.
In den folgenden Jahren steigert sich Dutschkes politische Aktivität und damit auch proportional sein Bekanntheitsgrad und seine Bedeutung für die aufstrebende, linke Avantgarde. Bis zu jenem 11. April 1968, der Tag an dem die Reaktion zurückschlägt. Sie schlägt zurück in Gestalt des Josef Bachmann. Sie schlägt zurück in Form von drei Schüssen, die Bachmann auf Dutschke abfeuert. Bachmanns erklärtes Ziel, die Beseitigung Dutschkes, schlug zwar fehl, von den Folgen des Attentats wird Dutschke sich dennoch nie mehr erholen. Sein Leben in der Öffentlichkeit ist beendet. Bachmann indes bekannte sich zu seiner Tat, wurde zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und nahm sich in der Haft das Leben.
Das Feindbild Dutschke, dem Bachmann erlag, und dessen Demontage er später aus seiner Inhaftierung heraus erleben mußte (dies war wohl auch der Grund seines Suizids) wurde maßgeblich aufgebaut durch die Springer-Presse, aber auch durch einen gewissen Dr. Frey aus München und seiner „Nationalzeitung“. Parallele Nummer zwei.
Dutschke widmet sich nach schweren Operationen und einem Erholungsaufenthalt in der Schweiz wieder der Theorie. Er studiert an der Universität Cambridge, wird allerdings zweimal aus Großbritannien ausgewiesen, wegen „subversiver Tätigkeit“. Schließlich reist er nach Dänemark, wo er als Dozent an der Universität Aarhus tätig wird, 1973 folgt seine Promotion, Thema „Zur Differenz des asiatischen und westeuropäischen Weges zum Sozialismus“. 1978 engagiert sich Dutschke für eine neue Partei, „Die Grünen“. Am 24. Dezember 1979 stirbt Dutschke schließlich nach einem Schwächeanfall, einer Spätfolge des Attentats, in Aarhus, Dänemark.
Die Jahre 1967 und 1968 wollen wir einmal näher betrachten. Für gewöhnlich wird Dutschkes Wirken auf diesen Zeitraum begrenzt, alles was vorher war oder später folgen sollte, wird entweder gar nicht oder nur marginal betrachtet. Diese Reduktion wird gelegentlich auch als „revolutionärer Abreißkalender“ bezeichnet. Es ist der Abschnitt in Dutschkes Leben, der uns interessiert. Also noch mal zurück: 2. Juni 1967, Benno Ohnesorg wird erschossen. Die Folge war klar, Radikalisierung der APO. Hinzu kommt, daß der Tod Ohnesorgs nur den Höhepunkt einer repressiven Vorgehensweise seitens der Staatsmacht markiert. Es gab schon zu diesem Zeitpunkt keinen nennenswerten Vertreter der APO, der nicht schon mindestens ein Ermittlungsverfahren gegen sich verbuchen konnte. Parallele Nummer drei.

Schon damals fleißig war der Verfassungsschutz. V-Mann Peter Urbach verteilt Molotow-Cocktails an übereifrige Revolteure. Diese ziehen los und machen kurzerhand einen Zeitungswagen der Springer-Presse zum Raub der Flammen. In Dutschkes Wohnung soll plötzlich Dynamit aufgetaucht sein. Plötzlich melden sich Leute mit merkwürdigen Ideen zu Wort, man möchte ein Napalm-Transportschiff (Bestimmungsort war damals Vietnam) in einem deutschen Hafen versenken. Wer brachte wohl in der bis dahin gewaltfrei agierenden Bewegung solche Ideen in Umlauf? Parallele Nummer vier.
All dem widerstand Dutschke. Doch seine Genossen wurden nicht nur aktivistisch beeinflußt. Auch ideologisch rannten sie mit Begeisterung in die Sackgasse. Es wird bis auf weiteres nur noch Lenin gelesen und bald schon sollten sie sich ihre Einheitsparteien basteln. Damit haben sie sich geradezu in die Isolation katapultiert. Von Dutschke sind uns in dieser Zeit andere Töne überliefert. In einer Zeit, in der seine Weggefährten ihre Glückseeligkeit in der KP-Tradition der zwanziger Jahre finden und sich streng internationalistisch orientieren (man sagt, einige dieser Exemplare sollen sich ihren internationalistisch-missionarischen Drang bis in die Gegenwart erhalten haben), kommt Dutschke in Kontakt mit dem Journalisten Wolfgang Venohr. Dieser produzierte dann eine Fernseh-Dokumentation, die unmittelbare Eindrücke aus dem Leben des Rudi Dutschke vermittelt. Da erfahren wir beispielsweise, daß Dutschke seinen Wehrdienst in der DDR verweigerte, weil er nicht in einer Armee dienen wollte, in der Deutsche auf Deutsche schießen. Und weiter, daß er sich in seiner Schulrede 1958 für die deutsche Wiedervereinigung ausgesprochen habe. Venohr sagte man übrigens schon damals nach, daß er ein Anhänger Ernst Niekischs gewesen sei und sich als Nationalrevolutionär verstand.

Der Nationalismus als revolutionäre Notwendigkeit. Nicht etwa als Steigbügelhalter des Kapitals, sondern als progressive und emanzipatorische Kraft. Hat Dutschke das schon damals erkannt? Hat er am Ende damit die Entwicklung vorweggenommen, zu der die nationale Opposition erst in den neunziger Jahren gefunden hat? Der polnische Marxist Leszek Kolakowski ist in seiner Schrift „Der revolutionäre Geist“ jedenfalls zu dem selben Schluß gekommen. Dort heißt es „Allein schon die Abweichung von der kommunistisch-sozialistischen Schablone, die den Nationalsozialismus als kleinbürgerlich strukturiert und großbürgerlich finanziert hinstellt, ließ auch bei Dutschke eine neue Form des nationalen Sozialismus zu, wie sie zur gleichen Zeit von den ersten Gruppen der Neuen Rechten angestrebt wurde.“
Dutschkes politische Bestrebungen, wie der Vietnam-Kongreß in West-Berlin, oder seine Reise nach Prag, anläßlich des „Prager Frühlings“, dürften unter diesen neuen Vorzeichen anders bewertet werden, als man dies bisher gewohnt war.

Als Rudolf Augstein, das fleischgewordene demokratische Sturmgeschütz, im „Spiegel“ 1979 einen Nachruf zu Rudi Dutschke verfasste, machte er es sich zu einfach. Sinngemäß hieß es dort, die Schüsse Bachmanns hätten Dutschke davor bewahrt, den Konkurs seiner Ideale erklären zu müssen. Daher hätten sie ihn zur rechten Zeit getroffen. Aber war es nicht vielleicht die Bundesrepublik samt ihrer wehrhaften Sturmgeschütz-Demokratie, der die Schüsse zur rechten Zeit kamen?
Und, der Gedanke sei erlaubt, was wäre gewesen, wenn die Schüsse Dutschke verfehlt hätten? Vermutlich hätte die Bundesrepublik einen ihrer unbequemsten Kritiker noch einige Zeit verkraften müssen. Und wo dieser unbequeme Kritiker sich heute, angesichts des Zusammenbruchs des Ostblocks, der signifikanten Überfremdungsanzeichen und der desolaten Linken, politisch verorten würde, das steht freilich auf einem anderen Blatt.

Weiterführend: Bernd Rabehl: Rudi Dutschke – Revolutionär im geteilten Deutschland, Edition Antaios, Dresden 2002. ISBN 3935063067

Kategorien:Historisches

Der Hofgeismarkreis der Jungsozialisten

September 11, 2009 Hinterlasse einen Kommentar

 

1923: Osterwoche der Jungsozialisten in Hofgeismar. Sozialdemokratische Antworten auf die nationale Frage

von Sascha Jung

Quelle: wir selbst 02/1998

„Uns ist die Nation kein Durchgangspunkt zu einem kulturlosen Menschenbrei, sondern die schicksalsgebundene Lebensform, in der wir an den übernationalen Zwecken der Menschheit allein mitarbeiten können und wollen.“ (Hermann Heller)

Als Oskar Lafontaine sich 1990 über die deutsche Einheit nicht freuen konnte und sie wohl auch nicht wollte (und mit dieser Haltung die Bundestagswahlen für die SPD vermasselte), grollten ihm die „DDR“-Deutschen und mit ihnen zahlreiche Sozialdemokraten. Ein sächsischer SPD-Bundestagsabgeordneter formulierte die Wirkung Lafontainescher Politik: Viele der neuen Bundesbürger kamen sich trotz vollzogener Vereinigung wieder ausgeladen vor.

Abkehr von den nationalen Wurzeln der SPD

Das Versagen der SPD im Falle der deutschen Einheit war das Ergebnis einer stetigen Entfernung von den nationalen Wurzeln der Partei und der gleichzeitigen Andienung etlicher Parteistrategen an das kommunistische SED-Regime in Ost-Berlin. Der Schumacherschen SPD der Nachkriegszeit haben die postnationalen 68er, die unter Willy Brandt in die Partei strebten und heute zumindest im Westen den wohlstandsgesättigten Funktionärskörper stellen, den Garaus gemacht. Unwidersprochen blieb das freilich nicht – so widmete Tilman Fechter, einst Mitglied des SDS, seiner Partei ein Buch zum Thema „Die SPD und die Nation“. Er skizzierte darin das Verhältnis vierer verantwortlicher Generationen der Nachkriegszeit zur Nation und forderte seine Partei auf, aus dem Desaster von 1990 zu lernen und sich zu einer wirklich gesamtdeutschen Volkspartei und Führungskraft in einer neuen Berliner Republik zu wandeln.

Zahlreiche andere Autoren boten in den 90ern hilfreiche Handreichungen für einen solchen Prozess, indem sie die verborgene und vergessene nationale Tradition der SPD freizulegen versuchten. Gefruchtet hat dies freilich alles nicht viel. Zwar scheint die SPD heute mit der Schwäche der CDU ihr historisches Tief überwunden zu haben, und die wohldurchdachten Entscheidungen des Kanzlerkandidaten peilen zielstrebig die Ablösung der Regierung Kohl an. Dass sich aber die SPD schon in ihrer Gesamtheit zu der handlungsfähigen, strategisch denkenden und moralisch integren Kraft entwickelt hätte, die dieses verwahrloste Land aus der Krise führen könnte, muss bezweifelt werden. Man mag von Gerhard Schröder noch einiges erwarten können – in der Partei dominieren nach wie vor die tief im Adenauerschen Weststaat verwurzelten 68er.

1923: Die Osterwoche in Hofgeismar

So wundert es auch nicht, dass die 75. Wiederkehr eines Treffens von Jungsozialisten, das in der SPD einst als die Geburtsstunde eines demokratischen staatsbejahenden Sozialismus angesehen wurde, an den Jungsozialisten und der heutigen SPD-Führung vorbeigegangen ist. Die Rede ist von einer Tagung, zu der sich auf Einladung von August Rathmann und Franz Osterroth 1923 über 100 Jungsozialisten im hessischen Hofgeismar eingefunden hatten. Ziel der Teilnehmer sollte es sein, so Rathmann in den „Jungsozialistischen Blättern“, „das in der sozialistischen Bewegung noch immer lebendige Misstrauen gegenüber unserem eigenen Staat und Volk zu überwinden und ein neues positives Volksbewusstsein, eine klar entschiedene Staatsgesinnung zu erarbeiten“. Die Tagung selbst sollte ebenso wie der daraus hervorgegangene Hofgeismarkreis schnell zu einem Mythos werden: Die Gegner der Hofgeismarer schildern das Treffen als eine Orgie an nationalistischem Hurrapatriotismus, vor allem die Veröffentlichungen seit den siebziger Jahren folgen diesem Tenor.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, wurde die jungsozialistische Bewegung stark beeinflusst von den Ausdrucksformen der bürgerlichen Jugendbewegung des Hohen Meißner von 1913 und des Wandervogels der Jahrhundertwende. Fügten sich die Angehörigen der Sozialistischen Arbeiterjugend vor dem Kriege noch sittsam der Leitung der politisch gereiften alten Genossen, so bestanden die jungsozialistischen Gruppen auf Autonomie. Man wollte mehr als die Alten, Sozialismus sollte auf jugendliche Weise erlebt werden, was ein „neues Gemeinschaftsgefühl, ein neues Kulturgefühl, ein neues Lebens- und Weltgefühl“ einschloss. Eine Schlüsselszene der Hofgeismartagung stellt sich dann auch so dar:

Zunächst behandelte der Arbeiterdichter Karl Bröger in einem Vortrag das Thema „Deutscher Mensch und deutscher Geist“. Nach einer aufwühlenden Diskussion trug er einen Gedichtzyklus „Deutschland“ vor, dessen letzte Verse lauteten:

Nichts kann uns rauben

Liebe und Glauben

zu diesem Land

Es zu erhalten

und zu gestalten

sind wir gesandt.

Mögen wir sterben!

Unseren Erben

gilt dann die Pflicht:
Es zu erhalten

und zu gestalten.

Deutschland stirbt nicht.

„Noch erregt von der Diskussion, unterwegs mit Liedern gegeneinander streitend, zogen die Tagungsteilnehmer in der Dämmerung auf den Schöneberg, wo ein Hamburger Voraustrupp bereits einen Holzstoß für das Osterfeuer geschichtet hatte. Die aufzüngelnde Flamme begrüßte ein Lied und Nietzsches Feuerspruch. Als die mit dem Gesicht zum besetzten Ruhr- und Rheinland gesprochene Feuerrede Osterroths in den Ruf ausmündete: `Es lebe Deutschland`, antwortete ein aufspringender Junger mit dem sich überstürzenden Gegenruf: `Es lebe die Internationale`.“

Die weiteren Referenten diskutierten die Begriffe Demokratie, Wirtschaft, Kultur, Volk, Staat und Nation, vor allem aber ihr Verhältnis zueinander. Höhepunkt der Veranstaltung war nach Osterroth aber das Schlussreferat von Prof. Hugo Sinzheimer, der mit seinen Thesen gleichsam die Zusammenfassung, das richtungsweisende Ergebnis der Tagung, formulierte. Sozialismus sei eine neue Ordnung und Ordnung gleichwohl immer nur Mittel. Für die deutsche sozialistische Bewegung seien Volk und Staat deshalb objektive Existenzformen, sie müsse diese deshalb nicht nur bejahen, sondern auch diejenigen Kräfte technischer und sittlicher Art aus sich heraus entwickeln, die beide zu tragen und fortzubilden fähig sind.

Zum Selbstverständnis des Hofgeismarkreises

Ausgehend von dem Treffen in Hofgeismar sollte sich ein lockerer Kreis von Jungsozialisten bilden, der als Hofgeismarkreis in den nächsten Jahren die Diskussion in den jungsozialistischen Gruppen prägte, bald aber auch von den marxistisch-orthodoxen Jungsozialisten, die sich zum Hannoveranerkreis zusammengeschlossen hatten, bekämpft wurde. Ein „Politischer Rundbrief“, von dem fünf Ausgaben erschienen sind, wurde herausgegeben, weitere Arbeitstagungen, u.a. zur deutschen Außenpolitik, wurden organisiert. Nicht an die „geistig zähflüssige Masse gewisser Parteibürokraten von rechts und links“, sondern „an alles, was jung und stark ist im Sozialismus und im deutschen Volk“, wandte sich der Leipziger Staatsrechtler Dr. Hermann Heller in seinem Buch „Sozialismus und Nation“, das schnell zu einem Grundtext der Hofgeismarer avancierte. Wie für Sinzheimer gehören für Heller „die nationale wie die soziale Volksgemeinschaft“ zusammen. Die Nation sei eine endgültige Lebensform, die durch den Sozialismus weder beseitigt werden könne noch beseitigt werden solle; Sozialismus bedeute nicht das Ende, sondern die Vollendung der nationalen Gemeinschaft. Nationales Bewusstsein und kapitalistische Wirtschaftsgesinnung waren für Heller geradezu ein sittlicher Widerspruch, und er sprach deshalb den rechten Gegnern die Berechtigung ab, sich auf nationale Interessen zu berufen und die Volksgemeinschaft zu beschwören. Andererseits griff Heller mit seiner Staatstheorie auch konsequent den zur bloßen Worthülse verkommenen Marxismus der verknöcherten Parteiführung an. Die Fixierung der sozialistischen Theorie auf die unpolitische Marx-Engelssche Formel vom Staat als Ausbeutungsinstrument verwarf er als unerträglich und stellte dem die Staatsidee Lassalles entgegen, für den der Staat Sicherung des menschlichen Zusammenwirkens, ja der archimedische Punkt über einer handlungsfähigen Gesellschaft sei: „Sozialismus ist nicht die Aufhebung, sondern die Veredelung des Staates.“ Wirkten solche Töne für zahlreiche sozialdemokratische Funktionäre der Weimarer Zeit schon befremdlich, so riefen sie erst recht den erbitterten Widerstand glühend marxistischer Jungsozialisten hervor. Diese sahen in der Diskussion der Hofgeismarer nichts anderes als den Versuch, die Klassengegensätze in der Weimarer Republik zu verschleiern: „Republik, das ist nicht viel, Sozialismus heißt das Ziel!“ hieß ein gängiges Motto. Der offene Krach zwischen beiden Juso-Strömungen ließ nicht auf sich warten. Nach hitzig geführter Debatte mussten die Hofgeismarer auf der Reichskonferenz Ostern 1925 in Jena eine bittere Abstimmungsniederlage hinnehmen. Die Mehrheit der Delegierten beschloss gegen die Stimmen der Hofgeismarer eine Erklärung, in der es unter anderem hieß, die derzeitige Demokratie verschleiere nur die Klassengegensätze: „Die Reichskonferenz ist sich daher darüber klar, dass das sozialistische Proletariat dem bürgerlichen Klassenstaat gegenüber keine staatspolitische Verantwortung übernehmen darf, wenn dies dem Interesse des internationalen Klassenkampfes widerspricht.“ Dass eine solche Erklärung von den Hofgeismarern nur als kommunistische Agitation angesehen werden konnte, hatte schon Theodor Haubach in seiner Gegenrede zu dem Antrag deutlich gemacht.

Die Niekisch-Debatte

Zwar versuchten die Hofgeismarer in den nächsten Monaten, zu einer Zusammenarbeit mit den Hannoveraner Jungsozialisten zu gelangen, indem sie beispielsweise anboten, ihre Arbeitstagungen und die dafür gespendeten Gelder dem Gesamtverband der Jungsozialisten zur Verfügung zu stellen. Ihre Anliegen wurden von der Mehrheit der inzwischen gekippten Reichsleitung aber brüsk abgelehnt. Zu einer weiteren Krise innerhalb des Verbandes kam es durch die Instrumentalisierung des Falles Ernst Niekisch durch die Hannoveraner. Einige Hofgeismarer waren an diesen sozialdemokratischen Gewerkschaftsfunktionär und früheren bayerischen Landtagsabgeordneten herangetreten, weil sie vor allem aus dessen Schrift „Der Weg der deutschen Arbeiterschaft zum Staat“ auf Gemeinsamkeiten schlossen. Niekisch wurde Gelegenheit gegeben, im „Politischen Rundbrief“ seine außenpolitischen Ansätze zu erläutern, und die gipfelten in einer radikalen Ablehnung der auf Ausgleich mit den Westmächten und schrittweiser Wiedergewinnung deutscher Geltung gerichteten Außenpolitik Stresemanns. Stattdessen forderte Niekisch einen revolutionären Nationalismus und eine Anlehnung an das bolschewistische Russland. Sicherlich faszinierten die konsequenten und mitreißenden Aussagen Niekischs manchen Hofgeismarer, gleichwohl entsprachen sie nicht im Geringsten den damaligen politischen Bedingungen. Revision der Versailler Grenzziehung und Überwindung der deutschen Ohnmacht, dafür traten in der damaligen Sozialdemokratie fast alle ein. Aber Ablehnung des Völkerbundes, Feindschaft mit England und Frankreich und dazu noch Anschluss an Russland – solche Thesen, wie Niekisch sie vertrat, mussten von einem nationalen Sozialismus zu einem sozialen Nationalismus und damit aus der SPD heraus führen. Entsprechend regte sich auch sofort Widerstand im Hofgeismarkreis. Während die Hannoveraner sich aber in ihrer Sichtweise des „jungsozialistischen Faschismus“ bestätigt fühlten und den Fall Niekisch zu weiterer aggressiver Propaganda gegen den Hofgeismarkreis nutzten, setzte bei den Hofgeismarern als Reaktion auf Niekischs Artikel im „Politischen Rundbrief“ eine heftige politische Debatte ein, in der die politische Differenzierung des Hofgeismarkreises deutlich wird. Als deren Ergebnis formulierte Gustav Warburg für die Mehrheit der Hofgeismarer: „Mir erscheint als Ziel deutscher Außenpolitik die Herstellung eines Zustandes, in dem Deutschland eine seiner Größe, Volkszahl und geistigen Bedeutung entsprechende Stellung einnimmt, frei von jeder Unterdrückung durch Versailler Fesseln, wo sein Wort wieder beachtet wird, wo seiner Leistungsfähigkeit keine Schranke gesetzt ist. Also kurz: ein Zustand, wo Deutschland unter keiner Unterdrückung leidet, aber wo es auch nicht unterdrückt.“

Treu geblieben waren die Hofgeismarer Jungsozialisten, nicht nur im Falle Niekischs, aber auch hier, der jungsozialistischen Tradition, stets aufgeschlossen für alles neue Denken, Streben und Gestalten zu sein und auch Kontakt zu anderen Gemeinschaften und Jugendbünden zu pflegen, was zur Beseitigung von mancherlei Vorurteilen und zum achtungsvollen Verstehen anderer Haltungen führte.

Da eine kameradschaftliche Diskussion der Gegensätze und eine Zusammenarbeit im Geiste der Jugendbewegung mit den übrigen Jungsozialisten nicht mehr möglich zu sein schien, beschlossen die Hofgeismarer Anfang 1926, die Organisation zu verlassen und ihren Kreis aufzulösen; die Zeit sei jetzt gekommen, von allen Angehörigen des Kreises in unmittelbarer Verantwortung die ausschließlich direkte Arbeit in Partei, Gewerkschaften und Reichsbanner im Geiste des Hofgeismarkreises zu fördern.

Anmerkung der Redaktion: Nur wenige Hofgeismarer folgten Ernst Niekisch in dessen Widerstandskreis (zu nennen ist hier wohl vor allem Benedikt Obermayr). August Rathmann redigierte die „Neuen Blätter für den Sozialismus“, die den Hofgeismarern am Ende der Weimarer Republik noch einmal ein viel beachtetes Forum gaben. Die meisten Hofgeismarer (Karl Bröger, Theodor Haubach, Franz Osterroth oder Carlo Mierendorff) verteidigten die Republik aktiv in den Reihen des Reichsbanners. Mitglieder des Kreises waren nach der NS-Machtergreifung in erheblichem Maße am Widerstand beteiligt, was viele mit Zuchthaus und Konzentrationslager büßten. Theodor Haubach war in den Putschversuch am 20. Juli 1944 verwickelt und wurde in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Hermann Heller musste emigrieren und starb im Exil.

1992: Anknüpfung auf Schloss Windischleuba

Mit dem Denken und Fühlen der Hofgeismarer konnten die 68er-Honoratioren des westdeutschen Wohlstandsgebietes natürlich nichts anfangen. Eine Nation hatte man dort nicht mehr nötig, als kluger deutscher Intellektueller hatte man aus den Schrecken und Miseren der deutschen Geschichte von 1871 bis 1945 gelernt, man rechnete es sich hoch an, keiner Nation mehr anzugehören – Europa, das war jetzt der Vaterland-Ersatz. Dass man also im sozialdemokratischen Westen buchstäblich aus den Latschen kippte, als zwei Dutzend junge Sozialdemokraten sich 1992 auf Schloss Windischleuba in Thüringen zusammenfanden und die Tradition des Hofgeismarkreises als Vorbild einer Erneuerung der Sozialdemokratie empfahlen, war eigentlich nicht verwunderlich. Dass die einsetzende empörte Presseberichterstattung zunächst nur zum Ruf nach raschem Ausschluss aus der SPD führte, war es ebenso wenig.

Gemeinschaftserleben, Demokratie und eine Kultur des Sozialismus

War der neu gegründete Hofgeismarkreis zunächst vor allem eine Protestantwort auf den verkorksten Dogmatismus der westdeutschen Jusos, die Zerrissenheit der westdeutschen Gesellschaft und die auch aus mangelndem historischen Bewusstsein fließende Unfähigkeit der Sozialdemokratie, sich zum Motor der deutschen Einheit zu entwickeln, so knüpfte man mit der Namensgebung doch auch ganz bewusst an eine 70 Jahre zurückliegende Diskussion innerhalb der SPD an. Die Frage, was man für die Zukunft eigentliche wollte und welche Anleihen der historische Hofgeismarkreis dafür liefern sollte, musste von ernstzunehmenden Kritikern gestellt werden. Das schlichte Postulat eines neuen Gemeinschaftsbewusstseins konnte auf Dauer nicht reichen.

Relativ schnell waren sich die neuen Hofgeismarer mit ihren Diskussionspartnern darüber einig geworden, dass der Hofgeismarkreis der Weimarer Zeit keinen nationalen Ausrutscher in der SPD-Geschichte darstellte, sondern an eine viel ältere Tradition, vor allem an die Zeit vor 1871, anknüpfte.

Wie aber sollten die Diskussionen des historischen Hofgeismarkreises für die heutige Zeit nutzbar gemacht werden? Franz Walter ist skeptisch: Was wolle man schon mit der ungemein poetischen und rauschenden Sprache eines Karl Bröger oder Paul Natorp anfangen, wenn man sich in die aktuelle Politik der SPD einmischen will? Walter mag insoweit Recht haben, dass sich politische Strategien daraus nicht ableiten lassen; rationale Politik ist aber auch nicht alles. Als inzwischen abgeklärter Rationalist vergisst Walter, dass gerade die Jugend, aber nicht nur sie, Sehnsucht nach in gewisser Weise romantischen Gemeinschaftserlebnissen hat. Das Irrationale ist im Menschen tief verwurzelt, und darin ist grundsätzlich auch nichts Negatives zu sehen. Die Frage ist, wer instrumentalisiert es und zu welchem Zweck. Den Nationalsozialisten ist im Gegensatz zur Weimarer SPD eine geschickte Instrumentalisierung des jugendbewegten Gemeinschaftserlebens gelungen, woraus sich ein Gutteil ihres Sieges über die alten Parteien begründen lässt. Fahrten, Lagerfeuer und Symbolfreude, das hat die jungen Leute damals begeistert.

Der einseitig rationalen Einstellung unserer Zeit antworten heute immer mehr Menschen mit der Flucht in Sekten und andere Gruppen. Die Esoterik-Literatur erlebt geradezu einen Boom. Die 68er flüchteten sich in ihre Hasch-Parties, von den Gemeinschaftserlebnissen randalierender Skinheads und Autonomer wollen wir gar nicht reden. Ob gemeinsame Fahrten, um Heimat und Welt kennen zu lernen, und Lagerfeuerromantik, bei der die eigene kulturelle Tradition vermittelt wird, da nicht pädagogisch sinnvoller sind? Dass die etablierten Parteien jedenfalls nicht in der Lage sind, die irrationalen Bedürfnisse im Menschen zu kultivieren, halte ich für politisch gefährlich.

Eine andere Frage, die sich der Hofgeismarkreis stellen lassen musste – und sie ist im Kern wesentlich politischer – war die, ob wir bereit seien, die Demokratie als Lebensform zu akzeptieren. Oberflächlich betrachtet erschien diese Frage suggestiv und konnte wohl eher dazu gedacht sein, uns die Möglichkeit zu geben, mit einem entschiedenen „Ja“ den Angriffen von ganz links außen die Grundlage zu entziehen. Sie leitet aber auch zu einer anderen hochinteressanten Diskussion über: Was heißt für uns heute eigentlich Demokratie? George Orwell schrieb bekanntlich, dass jeder, der eine Regierungsform verteidigt, sie, wie sie auch sein mag, für demokratisch erklärt. Sind Demokratien diejenigen, die nur einen Rechtsruck, nicht aber einen Linksruck fürchten oder sind es diejenigen, die nur einen Linksruck fürchten und nicht auch einen Rechtsruck? Demokraten wollen heute alle sein – ein bloßes Bekenntnis will also nicht viel heißen. Auch die willkürliche Festlegung (von wem auch immer), wer links und rechts noch dazu gehören darf, führt nicht weiter.

Da sich die traditionellen westlichen Demokratiemodelle, so auch in Deutschland, in einer tiefen Krise befinden, befürchtet mancher, dass auch sie nur die Probebühne für neue Diktaturen darstellen könnten. Ein sanfter Faschismus, ein sanfter Kommunismus oder auch die Diktatur der internationalen Konzerne könnten sich als erfolgreicher erweisen. Wer also die Demokratie als Volksherrschaft versteht und unsere grundlegenden Freiheiten erhalten will, muss die Frage nach den Unzulänglichkeiten unseres politischen Systems stellen. Die Demokratie muss von ihren Gegnern zur Rechten wie zur Linken lernen. Von den Rechten: offensive, aggressive, emotionale Vorwärtsverteidigung des uns Eigenen – Demokratie als positiver Mythos. Von den Linken: Kehrtwendung gegen den Brutal-Kapitalismus samt dessen Hauptprodukten Arbeitslosigkeit, Lohndrückerei und Sozialabbau.

Ernstzunehmende Verfassungsrechtler analysieren weiterhin, dass wir vor einer Auflösung unserer verfassungsrechtlichen Institutionen stehen, weil sich die politische Klasse verselbständig habe. Die Kontrolle durch das Volk funktioniert nicht mehr. Stimmt das, so ist es nur konsequent, wenn Hans Herbert von Arnim unser politisches System als Pseudodemokratie bezeichnet. Der Sozialdemokratie stünde es jedenfalls gut an, diese Debatte anzunehmen, zum ersten Verfechter des demokratischen Gedankens in Deutschland zu machen, anstatt einzelnen Vertretern zu gestatten, mit in anderen politischen Systemen entwickelten Verleumdungstechniken ihnen Unangenehme zu erledigen. Der Hofgeismarkreis hat die Debatte zum Wesen der Demokratie in Deutschland begonnen, sie harrt einer Fortsetzung.

Wie durch den historischen Hofgeismarkreis vorgezeichnet, gewinnen im Rahmen einer Demokratie-Debatte auch die Worte Nation bzw. Volk eine besondere Bedeutung. Das Volk ist nämlich in jeder Demokratie, die diesen Namen verdient, der Träger des Staates, der Souverän. Theoretisch kann man dieses Volk als Summe aller Einzelmenschen auffassen, die nichts als das Faktum, dass sie zufällig im gleichen Staatsgebiet leben, gemeinsam haben. Dies kann allerdings kein sozialdemokratischer Ansatz sein, wenn im Sinne Hellers Sozialismus als Kulturaufgabe zu verstehen und damit auch die immer feinere Ausprägung der einzelnen Nationen als kulturelle Bereicherung der Welt verbunden ist, ja wenn Demokratie nicht nur als formale Struktur begriffen, sondern auch gelebt werden soll.

Auf den Willen des Volkes müssen sich in einer Demokratie in ununterbrochener Legitimationskette alle politischen Entscheidungen zurückführen lassen. Da es ein europäisches Staatsvolk nicht gibt und es auch auf absehbare Zeit illusorisch ist, dass ein solches künstlich (durch Zusammenschluss der einzelnen Nationalstaaten zu einem neuen Bundesstaat) erschaffen wird, stellt sich die Frage nach der demokratischen Legitimation der mit immer mehr Kompetenz ausgestatteten europäischen Behörden. Darüber hinaus ist die Frage zu klären, wie die sozialdemokratische Linke sich eine für einen europäischen Parlamentarismus notwendige künstliche Verschmelzung von historisch gewachsenen Nationen überhaupt vorstellt und wie sie eine als Worthülse angebetete multikulturelle Gesellschaft demokratisch organisieren will. Um solche Fragen hat sich die Linke in der Sozialdemokratie zugunsten platter Lippenbekenntnisse bisher aus gutem Grund gedrückt. Hier warten interessante Probleme für eine Debatte des Hofgeismarkreises.

Deutschland erneuern

Mit Gerhard Schröder will die Sozialdemokratie in diesem Jahr wieder den Kanzler des Nationalstaates Deutschland stellen. Das Land, das dieser regieren will, ist industriell in die zweite Liga abgestiegen, es ist in keiner technologischen Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts führend, die Arbeitslosenzahl liegt bei über vier Millionen, Innovationen fehlen; der Rückgang unserer Leistungsfähigkeit ist unübersehbar. Wie will eine regierende Sozialdemokratie dieses Land aus der Krise wieder an die Spitze der Welt führen (wenn sie das will), ohne einen letztendlich vom Volk getragenen nationalen Aufbruch? Wer von gemeinsamen Opfern spricht, kann von der Nation nicht schweigen.

Der Hofgeismarkreis hat in den letzten Jahren intensiv die Fragen der sozialdemokratischen Geschichte sowie der Aufarbeitung von kommunistischem und nationalsozialistischem Unrecht bearbeitet. Mit Hilfe von Friedrich-Ebert-Stiftung und Kurt-Schumacher-Gesellschaft hat diese Diskussion zu sehenswerten Ergebnissen geführt. Zur Deutschland erneuernden Kraft ist die SPD hingegen bisher nicht geworden. Es ist deshalb an der Zeit, nun verstärkt Lösungsmodelle für die Fragen unserer Zukunft zu erarbeiten, wie ich sie in den letzten Absätzen angedeutet habe. Dabei sollte uns der Grundsatz der Untrennbarkeit von nationalem und internationalem Gedankengut leiten, eine Verabsolutierung des nationalen Gedankens müssen wir vermeiden. Zurückgreifen sollten wir nicht nur auf die staatstheoretische Diskussion des historischen Hofgeismarkreises, sondern auch auf dessen Diskussionskultur. Geistige Freiheit müssen wir uns nehmen, obwohl mancher versuchen wird, uns daran zu hindern. Die westdeutsche antinationale Linke hat sich aus der politischen Debatte bis auf wenige Ausnahmen abgemeldet. Sie hat genug damit zu tun, ihren ideologischen Herrschaftsanspruch zu verteidigen. Gerade deshalb aber sollten wir uns mit allen unkonventionellen Gedanken, sollten sie sich nun als links, rechts oder überhaupt nicht in die herkömmliche Skala passend vorstellen, sorgfältig auseinandersetzen. Unsere Aufgabe könnte es sein, eine heute winzige nationale Linke zu stärken. Für die alte Rechte war die Nation im Zweifel nur Vorwand für die Durchsetzung egoistischer Gruppen- bzw. Klasseninteressen, die dann sogar zur Übersteigerung in einen aggressiven Nationalismus führen konnten. Nationales, untrennbar verbunden mit sozialem Denken und eine rechte Positionierung passen nicht zusammen. Dieses Land braucht eine nationale Linke, weil die Nation als einzige Grundlage, auf der Demokratie und Sozialstaat bestehen können, immer eine linke Angelegenheit gewesen ist.

Nachbemerkung der Redaktion: Unseres Wissens nach ist der „neue“ Hofgeismarkreis von 1992 mittlerweile sanft entschlafen. Die alte Kontaktadresse lautete auf Hofgeismarkreis, Postfach 10 11 33, 04011 Leipzig. Als nicht ganz uninteressante Publikation mit wichtigen Diskussionsbeiträgen zum Thema „nationale Sozialdemokratie“ sei der „Politische Rundbrief“ genannt, der von den Leipziger Genossen herausgegeben wurde.

Literaturhinweise (Auswahl):

Tilman Fichter: Die SPD und die Nation. Vier sozialdemokratische Generationen zwischen nationaler Selbstbestimmung und Zweistaatlichkeit, Berlin: Ullstein 1993

Peter Grasmann: Sozialdemokraten gegen Hitler 1933-1945, München: Olzog 1976

Hermann Heller: Sozialismus und Nation, Berlin: Arbeiterjugend-Verlag 1925

Peter Kratz: Rechte Genossen. Neokonservatismus in der SPD, Berlin: Elefanten Press 1995, kostenloser Download unter:

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