Unter der Schlagzeile „Der Kapitalismus funktioniert nicht“ werden wir in der nächsten Zeit die Dysfunktionalität des kapitalistischen Systems in Deutschland aufzeigen, und zwar anhand von Meldungsfragmenten aus der Tagespresse. Den Anfang macht der Bereich „soziale Ungerechtigkeit“.
Die Hälfte der Bundesbürger hält Arbeitgeber und Unternehmen einer Infratest dimap-Studie für „unfair”. Die Medien wurden mit 59 Prozent als recht fair beurteilt. Nur 28 Prozent der Befragten sehen hier Tendenzen zur Unfairness. Zu den wichtigsten Aspekten der Fairness rechneten 95 Prozent der Befragten Rücksichtnahme, Respekt und Gerechtigkeit. Diese Eigenschaften sprachen rund 50 Prozent Arbeitgebern und Unternehmen ab. Sie beurteilten das Verhalten von Arbeitgebern gegenüber Beschäftigten und von Unternehmen gegenüber Kunden als eher rücksichts- und respektlos.
Lebenserwartung und Gesundheitszustand der Berliner Bevölkerung haben sich in den zwei vergangenen Jahren verbessert – allerdings klaffen zwischen ärmeren und reicheren Bezirken große Unterschiede. Das geht aus dem am „Basisbericht 2006/2007 über die gesundheitliche Lage der Berliner Bevölkerung und das Gesundheitswesen“ hervor. Die durchschnittliche Lebenserwartung in der Stadt ist weiter gestiegen und liege derzeit für Frauen bei 82, für Männer bei 76,7 Jahren. Gegenüber den 90er Jahren entspricht das einem Anstieg von drei Jahren bei Frauen und von vier Jahren bei Männern. Die Unterschiede innerhalb der Stadt sind allerdings nach wie vor groß. Vielsagend sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich: Frauen aus wohlhabenden Stadtteilen werden im Schnitt 2,8 Jahre älter als solche aus Problemgebieten; bei Männern beträgt der Unterschied sogar 4,1 Jahre. Während die am besten bewerteten Stadtteile einen weiteren Positivtrend verzeichnen können, rutschen die am stärksten problembelasteten Viertel immer weiter ab. In Bezirken wie Steglitz-Zehlendorf liegt die Arbeitslosigkeit gebietsweise bei 3,2 Prozent und der Anteil der Jugendlichen, die staatliche Leistungen beziehen, bei 12,7 Prozent. In „Problemkiezen“ im Wedding, in Neukölln oder in Kreuzberg hingegen erreicht die Arbeitslosigkeit in Spitzen 25,6 Prozent. Bis zu 70,3 Prozent der Jugendlichen benötigen hier Transferleistungen.
Der angebliche Wirtschaftsaufschwung der Jahre 2007 und 2008 kam nur bei denen an, die ohnehin schon zu den Besserverdienern gehören. So werden in diesem Jahr so viele Bedürftige wie noch nie auf Lebensmittelspenden angewiesen sein. Nach einem Bericht der „Saarbrücker Zeitung” geht der Bundesverband der Tafeln erstmals von einer Million Menschen aus, die aus wirtschaftlicher Not heraus regelmäßig Unterstützung bei der Versorgung mit Nahrung benötigen werden. Anfang 2007 waren es laut einer Erhebung des Verbandes noch 300.000 Bedürftige weniger, die Lebensmittel benötigten. Zugleich habe die Zahl der Tafeln in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht: Der Verband verzeichnet derzeit bundesweit 766 registrierte Tafel-Standorte, die Lebensmittel oder warmes Essen ausgeben oder soziale Einrichtungen beliefern. Rund 100 mehr als noch ein Jahr zuvor. Mehr als ein Drittel der Bedürftigen sind laut Verband Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Zunehmend gehören auch Kinder zu den Kunden: Im vergangenen Jahr betrug ihr Anteil knapp 25 Prozent. Da die Zahl der von Armut betroffenen Kinder und Jugendlichen steige, werden laut Verband auch immer mehr „Kinder-Tafeln” gegründet, um auf die speziellen Bedürfnisse eingehen zu können.
Der Anteil der Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland ist seit 1995 um gut 43 Prozent gestiegen. 6,5 Millionen Menschen, das sind 22 Prozent aller abhängig Beschäftigten, arbeiten für wenig Geld. Das zeigen aktuelle Untersuchungen des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen auf Grundlage der Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) von 2006. Das SOEP ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung von 12.000 Privathaushalten in Deutschland, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung alljährlich durchführt. Als Niedriglöhne gelten nach internationalen Standards Bruttostundenlöhne unterhalb von zwei Dritteln des mittleren Stundenlohns in Deutschland. 2006 lag diese Schwelle bei 9,61 Euro in West- und 6,81 Euro in Ostdeutschland. Im Durchschnitt verdienten die Niedriglohnbeschäftigten 2006 Bruttostundenlöhne von 7,12 Euro in West- und 5,43 Euro in Ostdeutschland und damit sogar etwas weniger als im Vorjahr. Teilzeit- und Minijobs machen mit knapp 54 Prozent inzwischen mehr als die Hälfte der Niedriglohnbeschäftigung aus, der Anteil der Minijobs hat sich zwischen 1995 und 2006 von 15 auf 29,7 Prozent fast verdoppelt.
Das Einkommen in Deutschland wird zunehmend ungleich verteilt, wie jetzt neueste Berechnungen des Sozio-Oekonomischen Panels Berlin (SOEP), bestätigten. Die Besserverdiener erhöhen also Ihren Anteil am Gesamteinkommen aller Haushalte in Deutschland weiter, während die Gruppe mit dem geringsten Einkommen zurückfiel. Vor allem Unternehmensgewinne und Vermögenseinkommen haben dramatisch zugenommen. Nach den SOEP-Zahlen bezogen die zehn Prozent der Haushalte, die über das höchste Einkommen verfügten, im Jahr 2000 noch 21,6 Prozent des Gesamteinkommens. Im Jahr 2006 waren es bereits 24,9 Prozent. Die Gruppe der obersten 2,5 Prozent der Haushalte, die am meisten verdienen, steigerte ihren Anteil demnach von 7,5 auf 9,8 Prozent. Dagegen rutschten die zehn Prozent der Deutschen, die das geringste Einkommen bezogen, weiter ab – sicherten sie sich 2000 noch 3,6 Prozent des Gesamteinkommens, waren es 2006 nur noch 2,9 Prozent, wie der “Tagesspiegel am Sonntag” weiter berichtet.
Vom wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen drei Jahre haben in Deutschland einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung zufolge viel weniger Menschen profitiert als im letzten Aufschwung von 1998 bis Anfang 2001. Der Zuwachs an Wirtschaftsleistung ist dieses Mal ganz überwiegend den Beziehern von Gewinn- und Vermögenseinkommen zugeflossen. Die realen Nettolöhne je Beschäftigtem sind dagegen im aktuellen Aufschwung sogar um 3,5 Prozent gesunken. Auch die staatlichen Transfers an die privaten Haushalte sind, anders als in früheren Aufschwungzyklen, real deutlich zurückgegangen. Zwar kam die gute Wirtschaftsentwicklung auch jenen zuvor arbeitslosen Menschen zu Gute, die eine neue Stelle fanden. Die Beschäftigung wuchs aber in diesem Aufschwung nicht wesentlich stärker als im Aufschwung um die Jahrtausendwende. „Der von vielen als Belohnung für Lohnzurückhaltung und Arbeitsmarktflexibilisierung versprochene erhebliche zusätzliche Beschäftigungsanstieg hat sich nicht eingestellt”, so der Wissenschaftliche Direktor des IMK, Prof. Dr. Gustav A. Horn. „Für die große Mehrheit der Bevölkerung hat der Begriff Konjunkturaufschwung eine neue Qualität bekommen: Wachstum ohne Einkommenszuwachs.“ Das IMK sieht angesichts der einseitigen Einkommensentwicklung nur geringe Chancen für einen Schub beim Konsum, der nach den Analysen vieler Forscher die Konjunktur in diesem Jahr antreiben muss, um einen Abschwung zu verhindern. Mit Hilfe ökonometrischer Simulationsrechnungen können die Wissenschaftler abgrenzen, wie stark sich verschiedene Faktoren auf die Einkommensentwicklung, den Konsum und das Wachstum ausgewirkt haben. Dabei zeigt sich: Von erheblicher Bedeutung ist, dass die Lohnentwicklung gesamtwirtschaftlich deutlich hinter dem Wachstum von Produktivität und Inflation zurückblieb, hinzu kommen die Folgen der Mehrwertsteuererhöhung, die bis in dieses Jahr reichen. „Eine stärkere Lohnentwicklung, die gesamtwirtschaftlich den Verteilungsspielraum von rund 3,5 Prozent ausschöpft, würde Konsum und Wirtschaftsentwicklung voranbringen.“ Für die IMK-Studie wurden auf Basis der aktuellsten verfügbaren Daten der jüngsten und der vorhergegangene Aufschwungzyklus miteinander verglichen. Beide Zyklen umfassten jeweils elf Quartale. Der aktuelle Aufschwung begann im vierten Quartal 2004, der vorige im zweiten Quartal 1998. In beiden Phasen stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) preisbereinigt um jeweils sieben Prozent. Ein markanter Unterschied: Die wirtschaftliche Erholung ist im jüngsten Aufschwung fast ausschließlich vom Export getrieben, der preisbereinigt um 31 Prozent zunahm. Die Binnennachfrage (+4 Prozent), besonders jedoch der private Verbrauch blieben unter dem für eine Boomphase üblichen Niveau. In diesem Aufschwung stagnierte der Privatkonsum mit real plus einem Prozent. Im vorigen Zyklus war er real noch um gut sieben Prozent gewachsen. Der Grund für die schwachen Konsumdaten liegt in der Einkommensentwicklung: Inflationsbereinigt stagnierte auch das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte. Im vorigen Aufschwung hatte es preisbereinigt noch um immerhin sieben Prozent zugenommen – genauso stark wie das Wirtschaftswachstum. Dabei entwickelten sich die einzelnen Einkommensarten sehr unterschiedlich: An den Beziehern von Lohneinkommen ging der Aufschwung bislang vorbei, wie verschiedene Kenngrößen deutlich machen. Die realen Nettolohneinkommen aller Beschäftigten, gemessen in der Nettolohn- und Gehaltssumme, sanken um 1,5 Prozent – nach einem Zuwachs von real gut acht Prozent im Aufschwung zuvor. Die realen Nettolöhne je Arbeitnehmer gingen in diesem Aufschwung sogar um 3,5 Prozent zurück. Im Vergleichszyklus waren sie noch um vier Prozent gestiegen. Die Bruttolohnquote, die im letzten Aufschwung nach elf Quartalen bei rund 71 Prozent stagnierte, ist in diesem Zyklus von rund 68 auf etwa 64 Prozent gefallen. Noch deutlicher sanken die realen Transfers, darunter Renten, an die privaten Haushalte: um fast sechs Prozent. Im vorigen Aufschwung waren die Leistungen noch um knapp vier Prozent gestiegen. Den Rückgang erklären die Ökonomen des IMK mit „Nullrunden bei den nominalen Renten, stagnierenden nominalen Leistungen bei Kindergeld, BAföG und anderen staatlichen Leistungen. Nur zu einem geringen Teil hat auch die niedrigere Arbeitslosenzahl dazu beigetragen.” Die Einnahmen von Unternehmern, vielen Selbstständigen, Aktienbesitzern und anderen Kapitaleignern stiegen dagegen deutlich an. Die Gewinne der Unternehmen seien “geradezu explodiert”, so die Forscher: Die nominalen Bruttogewinne der Unternehmen wuchsen in diesem Aufschwung um 25 Prozent – nach fünf Prozent im vorigen Zyklus. Der Anteil der Bruttogewinnquote am Volkseinkommen stieg von 32 auf knapp 36 Prozent. Die sehr gute Entwicklung der Gewinne ist nach der IMK-Analyse die Kehrseite der schwachen Entwicklung bei den Arbeitnehmereinkommen: „Die Unternehmen waren bei guter Konjunktur nicht gezwungen, die geringen Arbeitskostensteigerungen vollständig in den Preisen weiterzugeben und diese – bei Einrechnung der Produktivitätsfortschritte – zu senken. Letztlich konnte der Aufschwung von den Unternehmen für eine massive Umverteilung zu ihren Gunsten genutzt werden.” Damit ist der Einkommenszuwachs bislang vor allem den Vermögensbesitzern zu Gute gekommen, so das IMK, und damit einer relativ kleinen Gruppe in der Bevölkerung.
Zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung haben kein oder nur geringes Vermögen, während das reichste Zehntel knapp 60 Prozent besitzt, wie eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Vermögensstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) unlängst ergeben hat. Auch wenn ein Teil der Arbeitnehmerhaushalte Kapitalvermögen oder Aktien besitzt, ist für die große Mehrheit der Arbeitsverdienst die dominierende Einkommensquelle. Die schwache Einkommensentwicklung ging nicht mit einer besonders starken Beschäftigungstendenz einher, so die IMK-Analyse. Die Beschäftigung entwickelte sich in diesem Aufschwung mit einer Zunahme von zwei Prozent nicht außergewöhnlich stark. Die Zahl der Arbeitslosen sank zwar um gut 700 000 Personen. Die hohe Dynamik erklärt sich jedoch wesentlich damit, dass geburtenstarke Jahrgänge aus dem Erwerbsleben ausscheiden. So sank das Arbeitskräfteangebot, während es im vorherigen Aufschwung noch zunahm. Verglichen mit dem letzten Aufschwung hat die Gesamtzahl der Beschäftigten etwas weniger stark zugenommen, die der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten etwas stärker (+ 759 000 Personen nach +653 000). Vor diesem Hintergrund attestieren die Forscher den Arbeitsmarktreformen der vergangenen Jahre unter dem Aspekt der Beschäftigungsentwicklung „allenfalls leicht positive Effekte”. Zugleich setzten die Förderung von Leiharbeit und geringfügiger Beschäftigung ebenso wie die Aufstocker-Regelungen von Hartz IV die Löhne für reguläre Beschäftigung unter Druck. „Das Problem ist für Deutschland von besonderer Bedeutung, weil im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern keine Lohnuntergrenze in Form eines Mindestlohns existiert.“ Mit ökonometrischen Simulationsrechnungen haben die Wissenschaftler untersucht, wie sich Einkommen, Konsum und Bruttoinlandsprodukt entwickelt hätten, wenn sich Löhne, Finanzpolitik und Importpreise in diesem Aufschwung ebenso entwickelt hätten wie im vorigen. Die im Vergleich zum letzten Aufschwung niedrigere Lohnentwicklung half zwar dem Export. Doch sie schadete dem privaten Verbrauch, mit 55 Prozent die größte Komponente der wirtschaftlichen Entwicklung. Allein als Folge der geringeren Lohnsteigerungen in den vergangenen drei Jahren büßten die realen Nettolöhne je Beschäftigtem im Vergleich rund dreieinhalb Prozent ein. Das schmälerte den Konsum um gut ein Prozent und das BIP-Wachstum um einen halben Prozentpunkt. Das Wachstum wurde durch die Kombination aus höherer Mehrwertsteuer und den geringeren Transfers an die privaten Haushalte bisher um knapp einen Prozentpunkt gedrückt. Die Auswirkungen auf den privaten Verbrauch waren erheblich – er wurde dadurch um knapp 1,5 Prozent reduziert. Die im Vergleich deutlich stärkere Steigerung der Importpreise reduzierte die realen Nettolöhne je Beschäftigten um bis zu 1,5 Prozent. Der reale private Konsum wurde durch die vergleichsweise höhere Preisentwicklung um rund ein Prozent reduziert. Höhere Importpreise etwa für Öl und Gas gehen aber einher mit einer größeren Güternachfrage in den ölexportierenden Ländern. Davon profitiert wiederum die deutsche Exportindustrie. Daher hat sich das Wirtschaftswachstum durch die im Vergleich höheren Importpreise und die stärkere Exportentwicklung tendenziell sogar erhöht.
Forscher der Universität Bremen veröffentlichten eine Untersuchung zum Wahlverhalten von Jungwählern bei den Bürgerschaftswahlen 2007. Hatte die Wahlbeteiligung mit 57 Prozent bereits einen Tiefpunkt erreicht, so ist das Bild bei den Wählern zwischen 18 und 24 Jahren noch trostloser. Dem Forscherteam zufolge traten nur 47 Prozent der Jungwähler den Gang an die Urne an – was in einem Bundesland, in dem die SPD bei den nächsten Bürgerschaftswahlen den Herrschaftsrekord der KPdSU egalisieren wird, nicht weiter verwunderlich ist. Desinteresse zeigte sich vor allem bei den Jungwählerinnen, von denen nur 40 Prozent abstimmten. Die meisten derjenigen Jungwähler, die an den Bürgerschaftswahlen teilnahmen, nannten als Grund nicht etwa Begeisterung für irgendwelche Ziele oder Parteien, sondern „Bürgerpflicht“. Mehr als zwei Drittel der Befragten warfen den Politikern „,mangelnde Glaubwürdigkeit“ vor und hielten die Politik für „undurchschaubar“ und ihre Außendarstellung für verheerend.
Die Bertelsmann-Stiftung veröffentlichte eine Umfrage, nach welcher die soziale Marktwirtschaft 60 Jahre nach ihrer Einführung zusehends an Rückhalt in der Bevölkerung verliert. Trotz des angeblichen Aufschwungs halten 73 Prozent der Deutschen die wirtschaftlichen Verhältnisse hierzulande für ungerecht. Lediglich 13 Prozent der Befragten sind mit der Vermögens- und Einkommensverteilung zufrieden, wahrscheinlich haben sie auch allen Grund dazu. Fast 40 Prozent bewerten nicht nur Einzelerscheinungen, sondern den rheinischen Kapitalismus an sich als negativ. Kritisiert wurden u.a. das unübersichtliche und ungerechte Steuersystem, das Ausufern von Niedriglöhnen, die Korruption der Unternehmen, die Mängel des Gesundheitssystems sowie die scharfe soziale Selektion im Bildungswesen. Noch im Jahr 1995 stand die Hälfte der Bevölkerung hinter der sozialen Marktwirtschaft. Die mangelnde soziale Gerechtigkeit wurde nicht nur von den üblichen Verdächtigen aus dem Umfeld von Linker, SPD und Grünen angeprangert, sondern die Kritik hat sich auch bis in die Reihen der Unionsparteien und der FDP verbreitet. Selbst Zahlen des rechtsgerichteten Instituts der deutschen Wirtschaft (nicht mit dem DIW zu verwechseln!) zufolge nahm das Einkommen der ohnehin vermögenden Bevölkerungsgruppen zwischen 1993 und 2003 explosionsartig zu. Offenbar liegen keine aktuelleren brauchbaren Zahlen für die Vermögensverteilung vor. Demnach verfügte die Geldsackaristokratie im Jahr 2003 über ein 28 Mal so hohes Einkommen wie die Unterprivilegierten. Zehn Jahre zuvor waren es „nur“ 19 Mal so viel. Hierher gehören auch die Ergebnisse einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, der zufolge jeder dritte Bundesbürger der Ansicht ist, die bürgerliche Demokratie besitze keine ausreichenden Problemlösungskompetenzen. In Ostdeutschland sind mehr als 50 Prozent der Bevölkerung dieser Meinung. Sehr hoch ist der Vertrauensverlust in sozial schwachen Schichten, aber auch 26 Prozent in den von der Proletarisierung und Prekarisierung bedrohten Mittelschichten haben den Glauben an die BRD verloren. Immer mehr Menschen machen völlig zu Recht das System für ihren sozialen Abstieg verantwortlich.
Die offiziell eingestandene Inflation liegt laut Statistischem Bundesamt derzeit bei 3,3 Prozent – so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr. Angesichts des den Berechnungen zugrundeliegenden obskuren und stetig manipulierten Warenkorbes und der stark divergierenden Vermögens- und Einkommensverhältnisse werden jedoch die verschiedenen Bevölkerungsschichten unterschiedlich stark belastet. Statistiker ermittelten nun, dass nicht nur die Höhe der Teuerung besorgniserregend ist. Viel schlimmer ist, dass die Geldentwertung ausgerechnet die Geringverdiener über Gebühr belastet.
Die hohe Inflation ist damit nicht nur ein gefährlicher Gegner für Zentralbanker und längst nicht nur ein kostspieliges Ärgernis für Verbraucher, sondern sie entwickelt sich zu einem Phänomen, das die Gesellschaft zusehends spaltet. Am schlimmsten betroffen vom Preisschock sind den Berechnungen zufolge alle Haushaltsgruppen mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 1700 Euro. Das betrifft immerhin ein Drittel aller deutschen Haushalte. Sie haben mit einer Inflationsrate von gewaltigen 5,4 Prozent zu kämpfen – das liegt fast zwei Drittel über dem Wert, den das Statistische Bundesamt für Deutschland ausweist. Auch die Bezieher mittlerer Einkommen leiden mit einer Teuerungsrate von 4,5 Prozent deutlich stärker unter den hohen Preisen, als es die amtliche Statistik vermuten lasst. Gut kommen lediglich die Topverdiener davon. Ihre Inflationsbelastung beträgt nur 2,4 Prozent und damit ganze drei Prozentpunkte niedriger als die Inflationslast, die die Ärmsten im Land schultern müssen. Zu erklären ist die unterschiedliche Inflationsbelastung dadurch, dass gerade Geringverdiener einen deutlich größeren Anteil ihres Budgets für Produkte ausgeben müssen, die oft gekauft werden. Brot, Butter, Benzin – all das ist kräftig im Preis gestiegen. Diese sogenannten kaufhäufigen Güter haben sich allein in den vergangenen zwölf Monaten um über sechs Prozent verteuert. Besonders Familien mit niedrigem Einkommen und mehreren Kindern bleibt angesichts der Preisspirale nach oben gar nichts anderes übrig, als ihr gesamtes Geld für die teure Lebenshaltung auszugeben. Ihr finanzieller Spielraum wird dadurch immer kleiner, zumal der Verdacht nahe liegt, dass selbst die Lohnerhöhungen in diesem Bereich deutlich schneller von der Inflation zunichte gemacht werden.
Alleinerziehende und kinderreiche Familien sind in Deutschland immer häufiger von Armut betroffen. Die traditionelle Rollenverteilung verliert auf der anderen Seite an Bedeutung. In immer mehr Partnerschaften mit Kindern gehen beide Teile arbeiten. Bei den Alleinerziehenden beträgt die durchschnittliche Armutsgefährdungsquote 26 Prozent, bei Familien mit drei und mehr Kindern 13 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Berlin mitteilte. In den kinderreichen Familien erhöhe sich das Einkommen in der Regel nur noch durch das Kindergeld, häufig werde zudem nur Teilzeit gearbeitet, hieß es zur Begründung. Besonders hoch ist das Armutsrisiko demnach bei Alleinerziehenden mit drei und mehr Kindern: Hier lag die Quote bei 42 Prozent. Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2005. Den Angaben des Bundesamtes zufolge gingen 2007 deutschlandweit bei 51 Prozent der Familien mit zwei Elternteilen Mutter und Vater einer Erwerbstätigkeit nach. Nach der “klassischen” Rollenverteilung, bei der ausschließlich der Vater arbeiten geht, gestalteten 35 Prozent der Paare mit Kindern ihr Erwerbsleben. Eine wesentliche Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist dabei ein ausreichendes Angebot an Kinderbetreuungsmöglichkeiten, insbesondere für Kleinkinder. Bei den unter Dreijährigen haben die Eltern von rund 320.000 Kindern zum 15. März 2007 eine Betreuung in Kindertageseinrichtungen oder in öffentlich geförderter Kindertagespflege in Anspruch genommen. Der Anteil der Kinder in Tagesbetreuung an allen Kindern dieser Altersgruppe belief sich damit auf rund 16 Prozent. Im Jahr 2006 hatte die Betreuungsquote noch bei 14 Prozent gelegen. Bei den Kindern zwischen drei und fünf Jahren hat sich der Anteil der betreuten Kinder an allen Kindern dieser Altersgruppe im März 2007 auf rund 89 Prozent erhöht, gegenüber 87 Prozent in 2006. Damit nutzten rund zwei Millionen Eltern ein solches Angebot. Nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes erfreut sich das 2007 eingeführte Elterngeld bei Vätern weiter wachsender Beliebtheit: Der Anteil der Väter, die für die Erziehung ihres 2007 geborenen Kindes Elterngeld erhielten, stieg im ersten Quartal 2008 auf 19 Prozent. Insgesamt wurden von Januar 2007 bis März 2008 720.000 Anträge bewilligt. Die Quote lag damit für den Gesamtzeitraum bei zwölf Prozent. Damit habe sich der Väteranteil gegenüber dem früheren Erziehungsgeld fast vervierfacht.
Während die Zahl der Niedriglohnbezieher in Deutschland wächst, haben die Niedriglöhne in den letzten elf Jahren preisbereinigt fast 14 Prozent an Wert verloren. Seit 2000 sanken sogar die
Nominallöhne, d.h. 2006 hatten Niedriglohnbezieher 4,8 Prozent weniger Stundenlohn in der Tasche als sechs Jahre zuvor. In den oberen Einkommensgruppen legten dagegen die Löhne in diesem Zeitraum nominal über 10 Prozent zu. Das zeigen aktuelle Berechnungen des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen in den WSI-Mitteilungen 08/2008 der Hans-Böckler-Stiftung. Die Einkommensumverteilung hat die untersten Lohngruppen am härtesten
getroffen, Reallohnverluste reichen aber bis in die mittleren Einkommensgruppen hinein. Wegen der nur geringen allgemeinen Lohnsteigerungen sind die durchschnittlichen Realeinkommen in den letzten elf Jahren kaum (0,2 Prozent) gestiegen. Da der zu verteilende Kuchen nur wenig wächst und dabei immer ungleicher verteilt wird, hat auf der einen Seite gering bezahlte Arbeit stark zugenommen, auf der anderen Seite gut bezahlte Arbeit nur moderat zugelegt. Die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen geht so immer weiter auseinander, wie der Vergleich der inflationsbereinigten Einkommensverteilung in den Jahren 1995, 2000 und 2006 zeigt. Besonders im untersten Lohnbereich (Bruttostundenlöhne unter 6 Euro in Preisen von 1995 und unter rund 7 Euro in
Preisen von 2006) hat die Beschäftigung stark zugenommen. Durch diese Verschiebung der Einkommensgruppen nach unten und nach oben wurden die mittleren Einkommensgruppen ausgedünnt. Sie machten 1995 noch gut 63 Prozent aller Beschäftigten aus und verloren bis 2006 mehr als 11 Prozentpunkte, die sich in entsprechenden Zuwächsen am oberen und stärker noch am unteren Ende der Einkommensverteilung niederschlugen. Arbeiteten in den 90er Jahren bereits 13-14 Prozent aller Beschäftigten im Niedriglohnsektor, so hat sich dieser Anteil seitdem auf 22 Prozent ausgeweitet. 18,7 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Vollzeitarbeitnehmer beziehen einen Lohn, der sich an oder unterhalb der Armutsgrenze bewegt. Führend sind hierbei vor allem mittelständische Unternehmen und Kleinbetriebe. In Konzernen und Großbetrieben zählen nur 3 Prozent der Arbeitnehmer zu den Geringverdienern, in Betrieben mit bis zu 4 Arbeitnehmern sind es hingegen mehr als 50 Prozent. Fast 30 Prozent aller Steuerpflichtigen haben laut Einkommensteuerstatistik 2004 einen Jahresverdienst von weniger als 10.000 Euro. Damit hat das ehemalige Wirtschaftswunderland mit den USA gleichgezogen. Im Unterschied zu den USA schützen in Deutschland jedoch auch Qualifikationen nicht vor der Prekarisierung: Drei Viertel aller Billigjobber sind gut ausgebildet und qualifiziert. Demgegenüber wuchs zwischen 1995 und 2006 die Zahl der Spitzenverdiener von 21,8 auf 26,3 Prozent
Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, erhielten am Jahresende 2006 in Deutschland 8,3 Millionen Menschen Transferleistungen der sozialen Mindestsicherungssysteme. Damit waren 10,1% der in Deutschland lebenden Menschen auf existenzsichernde finanzielle Hilfen des Staates angewiesen. Im Verlauf des Jahres 2006 sind für diese Leistungen Ausgaben in Höhe von insgesamt 45,6 Milliarden Euro entstanden. Im regionalen Vergleich zeigt sich, dass vor allem die Menschen in den Stadtstaaten und den neuen Bundesländern 2006 verstärkt auf Leistungen der Mindestsicherung angewiesen waren. Mit der im Ländervergleich höchsten Bezugsquote von 20,1% erhielt jeder fünfte Berliner Bürger Leistungen zur Sicherung des grundlegenden Lebensunterhalts. Die niedrigsten Bezugsquoten waren in den südlichen Bundesländern festzustellen. So erhielten am Jahresende 2006 in Bayern 5,3% und in Baden-Württemberg 5,7% der Einwohner Leistungen der Mindestsicherungssysteme. Der mit Abstand größte Teil der Empfänger und damit auch der
Ausgaben für Mindestsicherungsleistungen entfiel den Statistiken der Bundesagentur für Arbeit zufolge auf das Arbeitslosengeld II und das Sozialgeld (Hartz-IV). Arbeitslosengeld II erhalten erwerbsfähige Personen im Alter von 15 bis unter 65 Jahren, die ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenen Mitteln bestreiten können. Ihre im Haushalt lebenden nicht erwerbsfähigen Familienangehörigen (vor allem Kinder) bekommen Sozialgeld. Insgesamt rund 7,3 Millionen Personen waren am Jahresende 2006 auf diese umgangssprachlich mit “Hartz-IV” bezeichneten Leistungen angewiesen. 5,3 Millionen oder 73% von ihnen waren erwerbsfähig und bezogen Arbeitslosengeld II. Weitere knapp zwei Millionen oder 27% waren nicht erwerbsfähig und erhielten Sozialgeld. Die Ausgaben für Leistungen, die unmittelbar für die Kosten des Lebensunterhalts gezahlt
wurden, beliefen sich im Verlauf des Jahres 2006 zusammen auf rund 40,5 Milliarden Euro. Daneben erhielten etwa 764 000 Personen am Jahresende 2006 laufende Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes im Rahmen der Sozialhilfe nach dem SGB XII. Die Sozialhilfe bildet das soziale Auffangnetz für bedürftige ältere Menschen sowie für Personen, die aufgrund von Krankheit oder einer dauerhaft vollen Erwerbsminderung nicht mehr ins reguläre Erwerbsleben integriert werden können, sowie für deren im Haushalt lebende Kinder unter 15 Jahren. Die Bruttoausgaben für diese Leistungen betrugen insgesamt rund 3,7 Milliarden Euro.
Die OECD verglich die Steuerpolitik von 26 ihrer 30 Mitgliedsstaaten und attestierte der Bundesrepublik Deutschland eine ungerechte Steuerpolitik. Die BRD belastet demnach die Arbeitnehmerschaft im internationalen Vergleich zu stark durch Abgaben und Steuern, während Vermögende über Gebühr verschont werden. „Die Einnahmen aus Substanzsteuern (Grund-, Vermögens-, Schenkungs- und Erbschaftssteuer) lagen in Deutschland stabil bei 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit bei weniger als bei der Hälfte des OECD-Schnitts von zwei Prozent (2006).” Von den untersuchten Staaten nehmen nur Mexiko, Tschechien, Ungarn und die Slowakei weniger aus diesen Steuern auf Vermögen ein – allesamt Länder „mit einem deutlich geringeren Vermögensbestand als Deutschland”. Weit mehr verlangen vergleichbare Nationen wie Großbritannien, die USA, Japan oder die Schweiz von ihrer Geldsackaristokratie. Zum gesamten Steueraufkommen tragen Vermögenssteuern beispielsweise in den Vereinigten Staaten mehr als viermal so viel bei wie hierzulande. Die Zeche zahlen die Empfänger von Lohneinkommen. So verbleibt einem durchschnittlich verdienenden Arbeitnehmer weniger als die Hälfte von dem, was sein Arbeitgeber für ihn zahlt. Der Staat greift durch Steuern und Abgaben 52,2 Prozent ab – im OECD-Durchschnitt sind es nur 37,6 Prozent.
Einer Studie der OECD zufolge nahmen zwischen 2000 und 2005 in keinem anderen OECD-Mitgliedsstaat außer Irland Einkommensungleichheit und Armut stärker zu als in Deutschland. Der Anstieg in diesem Zeitraum lag deutlich über dem in den vorherigen 15 Jahren von 1985 bis 2000. Hauptverantwortlich für die wachsende soziale Ungerechtigkeit ist die Politik der Regierung Schröder-Fischer, die Politik von Sozialdemokratie und Grünen: Steuergeschenke an Vermögende und Unternehmen, Leistungskürzungen im sozialen Bereich, Hartz IV und Schaffung eines Niedriglohnsektors. Dabei sind, man beachte den Untersuchungszeitraum, die vollen Auswirkungen von Hartz IV nicht einmal erfasst – die Wahrheit ist viel schlimmer. Zurück zur Studie. Die Armutsgrenze wird hier bei weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens angesiedelt. Im Jahr 2005 lebten in der BRD 11 Prozent der Bevölkerung in Armut, was über dem OECD-Durchschnitt von 10,6 Prozent liegt. Anfang der 90er Jahre lag die Armutsquote in Deutschland noch rund ein Viertel unterhalb des OECD-Schnittes. Mit Stand von 2005 lebten 16 Prozent aller Kinder in armen Familien, den Kindern Alleinerziehender geht es nur in Japan, Irland, den USA, Kanada und Polen noch schlechter als in der BRD. In Deutschland sind 19,4 Prozent aller Haushalte vollkommen von staatlichen Transferzahlungen abhängig – OECD-Spitzenwert. Das Einkommen der 10 Prozent Spitzenverdiener liegt um 800 Prozent über demjenigen der untersten 10 Prozent. Die schmale Gruppe der Spitzenverdiener kassiert ein Viertel des Gesamteinkommens. Ebenso besitzen die 10 Prozent der Geldsackaristokratie 50 Prozent des Gesamtvermögens, während auf 50 Prozent aller Haushalte nur 2 Prozent davon entfallen. Kritisiert wird auch die soziale Selektion im Schulsystem. Während 68 Prozent der Kinder von Eltern mit Abitur das Gymnasium besuchen, schaffen das nur 14 Prozent der Kinder von Eltern mit Hauptschulabschluss. Jedes dritte von ihnen wird binnen kurzer Zeit wieder auf andere Schularten abgeschoben.
Die finanzielle Situation vieler Hartz IV-Empfänger verletzt einer neuen Studie zufolge das „Grundrecht auf ein würdiges Leben”. Rund 90 Prozent der Bezieher von Arbeitslosengeld II befänden sich in einer „finanziellen Notlage, die ihre Teilhabemöglichkeiten unzumutbar einschränkt”, heißt es in der Erhebung. Verschärft werde die Lage vielfach durch „fehlerhafte Berechnungen, unrealistische Obergrenzen bei der Anerkennung von Wohnkosten und Leistungskürzungen als Sanktionen für mangelnde Mitwirkung”. Die Studie wurde von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) und dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Auftrag gegeben. In dem Bericht wird zudem der Verdacht geäußert, dass sich der Regelsatz für die Grundsicherung „nicht am tatsächlichen Bedarf für das Existenzminimum” orientiere. Dies setze eine „Negativ-Spirale in Gang”, die die körperliche und seelische Gesundheit der Betroffenen „stark in Mitleidenschaft zieht”. Hartz IV-Empfänger nähmen ihre Situation oft als zunehmend perspektivlos wahr. „Sie fühlen sich abgekoppelt von der gesellschaftlichen Entwicklung und als Bürger zweiter Klasse.” Der immer wieder durch Hetzkampagnen bürgerlicher Medien verbreitete Verdacht, sie seien wenig arbeitswillig und meist unzureichend qualifiziert, wird durch die Studie nicht bestätigt.
Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung legte seinen neuen Verteilungsbericht vor. Nach den noch vor Einsetzen der Rezession erhobenen Daten hat der Gewinnanteil am Volkseinkommen einen Rekordstand erreicht, während der Anteil der Arbeitnehmereinkommen selbst während des Aufschwungs weiterhin rückläufig war. Zwischen Mitte 1990 und dem Sommer 2008 sind demnach die Einkommen aus Gewinnen und Vermögen deutlich angestiegen und machen nunmehr 35,8 Prozent des verfügbaren Volkseinkommens aus. Besonders stark wuchsen dabei zuletzt die Unternehmensgewinne und vor allem die Gewinne von Produktionsunternehmen. Verteilungsforscher gehen davon aus, dass diese Einkommen einem kleineren Personenkreis zukommen. So heißt es in einer aktuellen Studie für die Bundesregierung: „Man kann davon ausgehen, dass die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen überwiegend dem oberen Drittel der Einkommensbezieher zufließen.” Der Anteil der Nettolohnquote liegt demgegenüber bei 39,3 Prozent (vor 1990 waren es mehr als 50 Prozent). Eine Verteilungstrendwende wird vom WSI ausgeschlossen, da die Politik der Bundesregierung auch weiterhin unter dem Zeichen der blindwütigen Außenhandelsorientierung auf Sozialdumping und Billigjobs setzt. Ungeachtet des großbourgeoisen Gejammers über zu hohe Steuerbelastungen machen Steuern auf Gewinne und Vernögenserträge nur 20 Prozent des Steuereinkommens aus, was einem Rückgang von über 10 Prozentpunkten gegenüber den 60er Jahren entspricht. Den Rest holt „Vater Staat“ sich bei Otto Normalverbraucher. Nach den Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) besitzen lediglich vier Prozent der erwachsenen Bundesbürger Betriebsvermögen, soll heißen die Produktionsmittel befinden sich in den Händen einer verschwindend kleinen Schicht, deren Enteignung kaum zu gesamtgesellschaftlichen Verwerfungen von Bedeutung führen dürfte.
Roland Lorent